Anstehende Konzerte

March 3rd, 2010
12. Mrz 2010 20:00
Schlüsselloch Aachen, Nordrhein-Westfalen
18. Mrz 2010 20:00
Rubinrot Köln, Nordrhein-Westfalen
26. Mrz 2010 20:00
Alice Gryphius Berlin, Berlin
23. Apr 2010 20:00
Cantina Publica Bremen, Bremen
24. Apr 2010 18:00
Balcony TV Hamburg
09. Jun 2010 20:00
Kulturrampe Krefeld, Nordrhein-Westfalen
29. Okt 2010 20:00
Forum Freies Theater Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen
30. Okt 2010 20:00
VEB Siegen, Nordrhein-Westfalen


28.01.10 - Köln/Stadtgarten

February 12th, 2010


2. Kölner Schlaraffentag

Vollmundig hatten wir ihn angekündigt unseren Schlaraffentag. Weil wir uns sicher waren, dass wir auch bei der zweiten Version unseres Festivals einige herausragende Bands gewinnen konnten. Leider lief aber der  Vorverkauf eher schleppend, was Christina Oeynhausen und mich, die wir für das ganze Ding Verantwortung tragen, ziemlich beunruhigte. Dabei hatten wir stundenlang im tiefsten nachweihnachtlichen Winter Flyer verteilt und Plakate geklebt. Zudem wurde unser Festival in allen Stadtmagazinen angekündigt, im Internet auf allen wichtigen Portalen, wir waren im Radio und haben geklappert, was das Zeug hielt. Nur Karten wollten die Leute nicht kaufen. So sahen wir mit Unsicherheit den 28. Januar näher kommen.

Diese Unsicherheit wurde für mich noch dadurch verstärkt, dass ich erstmals verstärkt durch Francis Norman an der Bratsche (nicht Geige!) auftreten wollte und er meine Anfrage auf einen Probentermin mit den Worten, er hätte die Erfahrung gemacht, dass Proben die Lieder nicht unbedingt besser machen, ablehnte. Ich wollte Lachen, weil ich einen Scherz vermutete, bemerkte aber, dass es sein voller Ernst war. Nicht proben. Ich muss dazu sagen, ich bin regelrecht ein Probenfanatiker. Einfach mal jammen und gucken was passiert, das war für mich bislang unbekanntes Land. Und er ist Jazz-Geiger. Professionell. Aufgrund des kurzen Eindrucks seiner Fähigkeiten bei den Aufnahmen zu meiner (bzw. unserer gemeinsamen) Platte, war ich mir auch sicher, dass er es kann. Aber ich?

Aufgrund dieser Bedenken, wählte ich dann doch noch mal seine Nummer und wir verabredeten uns bei ihm in Mönchengladbach. Als ich nachts im Regionalexpress nach Hause fuhr, waren alle Zweifel einer vorfreudigen Euphorie gewichen. Was für ein wahnsinniger Musiker. Was für ein herzlicher Mensch.

Dann ging alles ganz schnell. Der Tag begann mit Pizzabacken und Betten machen für die Schweizer Band Schöftland, die mit sechs Mann bei uns zum Nächtigen eingeladen waren. Dann ab zum Laden, Backline schleppen, soundchecken, Einlass. Alles ging Schlag auf Schlag. Schon stand Lars Gerhardt auf der Bühne, pünktlich um 8 und eröffnete unser nettes, kleines Festival. Ich stellte mich neben die Bühne und war sehr gespannt auf die Publikumsreaktion. War überhaupt schon jemand da? Als der letzte Ton verklang, hörte ich ihn wieder, den warmen, kräftigen Applaus, den ich schon im Juni beim 1. Kölner Schlaraffentag kennen lernen durfte. Das war meine erste Gänsehaut.

Die zweite hatte ich dann nur sehr wenige Augenblicke später, als ich die ersten Töne hörte, die Francis seiner Bratsche (nicht Geige!) entlockte. „Was Schönes, das mir gar nicht so gefällt“ war der Opener und ich fühlte mich auf Anhieb pudelwohl dort auf der Bühne. Und von oben konnte ich sehen und hören und genießen, dass sich der Raum füllte und füllte. Als wir „Die alte Frau“ spielten und ich a cappella die dritte Strophe sang, war es so still, es war fast unheimlich, diese mitfühlende Konzentration auf jedes einzelne Wort. Die Folge: Gänsehaut Nummer 3. Leider verging unsere halbe Stunde, als wäre es eine Minute gewesen. Pech!

Also runter von der Bühne und Platz für Enno Bunger gemacht, die mit fettem Flügel spielten. Und ihr Sound war mächtig, voll von großem Gefühl. Die drei Jungs aus Leer (Ostfriesland) eröffneten das Band-Programm des Festivals überaus charmant und überzeugend, wie auch die Publikumsgesichter bestätigten.

Danach Voltaire. Welch eine Wucht. Mit beeindruckender Experimentier- und Spielfreude packten sie das Publikum an den Ohren und lösten wahre Begeisterungsstürme aus. Was sollte danach noch kommen?

Schöftland. Ein mehr als würdiger Abschluss für den 2. Kölner Schlaraffentag. Sie wussten mit ähnlicher Intensität zu berühren, wie es Gisbert zu Knyphausen am Ende des Juni-Events vollbrachte. Ihre dynamischen Lieder, die erst leise und introvertiert eine Spannung aufbauen, die sich dann immer wieder in euphorisierenden Soundwänden auflöste. Kurzum: eine Lieblingsband.

So ging der 2. Kölner Schlaraffentag zu Ende und ich war ganz schön kaputt, doch glücklich. Denn die Erkenntnis von der Premierenveranstaltung wurde mehr als eindrucksvoll bestätigt: die Musik, die wir machen, scheint ausschließlich liebenswürdige Menschen anzulocken. Was für ein Glück, dass wir nicht Rammstein sind oder Pur.

Danke an Christina Oeynhausen, die mal wieder einen Bärenanteil der Organisation übernommen hat und die von mir am Abend der Veranstaltung einigermaßen im Stich gelassen wurde. Danke auch an die anderen Helfer, Pizzabäcker, Bier- und Spießbratenbrötchenverkäufer, an das Mischpultfachpersonal, natürlich auch an die Bands, an Florian Müller von www.dasweissekaninchen.de für die geilen Fotos und an jeden, der uns mit Applaus, Liebe und Geld unterstützt hat. Wir machen weiter.

Zu wahr um schön zu sein

February 4th, 2010

Wenn die Hasen am Morgen gedankenverloren
Den Tau beschnuppern
Steigt dort hinten hinter dem Baum
Ein Wort aus dem Morast
Ein leises Flüstern, ein Fanal
Legt sich über die Stadt und weht
Durch ihre klapprigen Rippen
Das es auch niemand verpasst

Es geht ein Zucken durch den Mund in den Kopf in den Bauch
Es tönt nach Verrat und nach Sehnsucht tönt es auch

Zu wahr um schön zu sein
Zu wahr um schön zu sein

Wie Asseln irrlichtern zwei tiefblaue Augen
Und schleichen nach ziellosem Kreisen endlich
Um etwas herum
Das sie nicht einmal sehen
Das sind kostbare Tage am blühenden endlosen Meer
Ein Widerhall bleibt im Glanz
Der seichten Dünung
Als dauerndes Plätschern bestehen

Eine wildgewordene Hand fährt durchs obdachlose Haar
Es könnte schön sein, doch es ist, es ist… zu wahr

Zu wahr um schön zu sein
Zu wahr um schön zu sein

Gewöhn´ dich an die Finsternis

January 11th, 2010

Die Flure des Grauens

Ein neuer kranker Morgen grinst falsch durch die Scheibe

Mit Kaffee den Kopf auf Halbmast hochgezogen

Auf dem Bildschirm flackert unwürdiges, ekelhaftes Leben

Acht mal lieber das hier, als so ein fieses Schwein

Mit heißer Nadel Kundennummer auf die Brust geschrieben

Ein echter, ein echter halber Mensch

Und einem schießt ganz plötzlich die Panik in die Glieder

Reißt in wildem Rasen alle Schränke auf

Auf der Suche nach dem Schlupfloch

Nach einem Weg hier raus

Zwei Finger breit, ein bisschen Tageslicht

Gewöhn dich an die Finsternis, für dich gibt´s so was nicht

 

Sie haben vor der Tür eine ganze Welt gebaut

Mit allem, mit allem was man braucht

Was zu Trinken gegen die Kälte, was zu Essen gegen die Einsamkeit

Und für den, dem das nicht langt: ein Geldspielautomat

Und dahinter räkeln sich die Flure des Grauens

Das Neonlicht zerkratzt jedes Gesicht

Und einer schlägt den irren Kopf gegen alle Wände

Sinkt blind auf die Knie und streichelt Waschbeton

Auf der Suche nach dem Schlupfloch

Nach einem Weg hier raus

Zwei Finger breit, ein bisschen Tageslicht

Gewöhn dich an die Finsternis, für dich gibt´s so was nicht

Sag´ mir einen Grund, was daran gut ist

Deine Hand drückt auf mein Genick

Wenn´s nur irgendetwas gäb´, damit das aufhört

Ich schmeiße Bomben auf das da vor der Tür

…das da in der Glotze

Ich will doch nur ein Schlupfloch

Für jeden, der eins braucht

Und ich kann es deutlich sehen

Du brauchst es auch

Konzerttagebuch III, IV und V (Köln, Düsseldorf, Siegen)

January 5th, 2010


Wenn man großspurig ist, kann man es „Philipp Süß´ Weihnachtstour“ nennen, ich bezeichne es lieber kleinlaut als eine Trilogie in Moll, denn das, was ich bei den letzten drei Konzerten auf der Bühne erleben musste, lässt für Übermut leider keinen Platz.

Alles begann am Freitag, den 18. Dezember. Weihnachtsmarkt im Stadtgarten zu Köln. 19 Uhr. Es war bitterkalt. Es schneite. Alles nicht überraschend. Weihnachtlich. Das dachten sich auch einige hunderte Menschen, die sich nicht wie ich ins Getümmel stürzten, sondern es selbst waren; es ausmachten, das Getümmel. Und dann war da diese Bühne. Eher ein Zelt. Erhöht. Vorne offen. Darin ein Heizpils. Und die Leute taten, was man auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt so tut: drängeln, saufen und frieren. Da ist wenig Muße fürs Zuhören vorhanden, dachte ich mir gleich. Diese These wurde durch zwei Entdeckungen untermauert:

1. Die Anlage war viel zu klein, um diese riesige Rock-am-ring-gleiche Masse zu beschallen. 2. In meinem Programm befand sich kein einziges Lied, das im Stande ist, die Welt weihnachtlich zu verklären.

So saß ich da also neben dem Pils in dem Zelt auf einem Barhocker und versuchte verzweifelt irgendwas, um dem ekligen Gefühl hier nur Störenfried zu sein, Herr zu werden, da sah ich ebenso unentspannt den Tonmann vor und hinter mir hin und her rennen. Er gestand mir, dass meine Gitarre seit ungefähr zwei Liedern kein Signal mehr abgebe, und ich die Lieder also A-Capella gesungen habe. Schon verfluchte ich die kleine Anlage ein ganzes Stück weniger. Nur taten mir die Damen und Herren leid, die nur wegen mir den Weg in die Kälte angetreten sind und nun völlig zu Recht auch etwas Unterhaltung als Lohn erwarteten. Nicht, dass ich so schlecht singe, aber „Vom Tellerwäscher“ in der Wise-Guys-Soloversion? Das macht keinen Sinn! Ich hab´s dennoch versucht. Mit einer geliehenen Gitarre brachte ich das Konzert unehrenhaft zu Ende und wollte nur noch nach Hause.

Am Sonntag, den 20. 12., stand das Auswärtsspiel in Düsseldorf auf dem Programm. Da war ich ja noch nie, zumindest mit Gitarre. Seit dem Reinfall auf dem Weihnachtsmarkt hatte es sich tüchtig eingeschneit. Es fiel Flocke um Flocke herab und hüllte die Welt in eine für den öffentlichen Nahverkehr unpassierbare Puderzuckerschicht. Zum Café Frieden 66, wo das Konzert um 15 Uhr beginnen sollte, kam ich noch nahezu pünktlich an, nur war der Verkehr innerhalb der Stadt völlig lahm gelegt. Auch auf den Straßen bewegte sich keine Menschenseele, nicht mal Kinder tollten umher. So überraschte es auch nicht, dass sich kaum einer zum Ort des Geschehens bewegt hatte. „Sonst gibt es hier schon Laufkundschaft. Aber ich wäre heute auch zu Hause geblieben.“ tröstete mich der Besitzer. Der Laden ist wunderschön, es hätte alles gepasst. Es knisterte und prasselte ein Feuer auf dem Flachbildschirm in der Ecke und verbreitete ein wohlig-stranges Gefühl. Alles in allem acht oder neun Leute kamen dann doch, teilweise aus der engeren Verwandt- und Bekanntschaft, oder eben Bedienstete des Ladens und wir machten uns mit Waffeln, Kirschen und Musik einen richtig schönen Nachmittag. Hier komme ich gerne wieder hin, dachte ich noch, da wurde mir auch schon ein Folgekonzert angeboten. Hoffentlich bei besseren Bedingungen. Hoffentlich in der gleichen Stimmung.

Jetzt kam Weihnachten. Mit Bier, herzerwärmenden Begegnungen, wenig Schlaf, viel Fraß, Geschenken, Harmonie, Streit und dem ganzen Gedöns. Der 29.12. rückte spürbar immer näher. Die Vorfreude wuchs auf eine Reise in meine Vergangenheit. Siegen. Meyer Musikclub. Könnte ich die Hirnzellen, die ich hier ließ, wieder einsammeln, ich hätte bestimmt weniger Probleme beim Eingeben der PIN-Nummer an der Kasse.

Genug des schlechten Spaßes, jetzt wird es leider ernst. Das Konzept der Veranstaltung war: jede Band darf sich bewerben und dazusagen, um wie viel Uhr sie spielen will. Keine Rücksicht auf Musikrichtung. So sympathisch, wie gefährlich. Vor mir spielte eine Deutschrockband, wie es sie wohl in jeder Stadt gibt. Sie spielten mit dosierter Leidenschaft ihren Stiefel, hatten auch eine beträchtliche Zahl an lederbejackten Mittdreißigern angekarrt. Alte Heimat hin oder her. Das würde heute kein Heimspiel, dachte ich mir. Und ich fühlte mich bestätigt, als ich da saß, die allgemeine Unruhe lauter, als ich auf der Bühne. Und dann, zwar vereinzelt, doch schmerzhaft, die Rufe der Lederbejackten. „Buh!“ jaulte es hier, „Aufhören!“ dort. Sie hatten keine Böcke auf die Heulsuse da oben. Mit „Habt ihr Lust auf was Ruhiges?“ kündigte ich „Häuschen am See“ an. Sarkasmus. Macht ihr mir einen Scheißabend, so mache ich euch einen noch beschisseneren. Ich spielte weiter. Es war eine klassische  lose-lose-Situation. Ich sah, während ich „Was dir fehlt“ spielte, wie vom Gastgeber ein unflätiger Besucher entfernt wurde, schon die erste Reihe drehte mir den Rücken zu und unterhielt sich lautstark lästernd. Übel. Einfach übel. Und auch hier: was es erst richtig schlimm machte, waren die in Dutzendstärke aufgetretenen Freunde, die meiner Musik frönen wollten. An  euch ein Entschuldigung, ich hab´s versucht!

So bleibt rückblickend auf die Trilogie in Moll ein ganzer Stapel Demotivation, der hoffentlich bald zu den Akten mit der Erfahrung gelegt werden kann. Ich werde dran arbeiten. Schon am 28. 01. beim 2. Kölner Schlaraffentag im Stadtgarten kannst auch du erleben, ob es mir gelungen ist.

Philipp Süß auf Weihnachtstour

November 29th, 2009

Weihnachtsmarkt in Köln 
Freitag, 18.12.09 - Weihnachtsmarkt am Stadtgarten -> www.stadtgarten.de - Beginn 19 Uhr - Eintritt frei

Weihnachtsmatinee in Düsseldorf
Sonntag, 20.12.09 - Frieden 66 -> www.frieden-66.de - Beginn 16 Uhr - Eintritt frei

Weihnachtsjam in Siegen
Donnerstag, 29.12.09 - Meyer Musikclub -> www.meyer-siegen.de - Beginn 21 Uhr - Eintritt frei

Ein Häuschen am See

November 22nd, 2009

Bin jetzt ein paar Jahre dabei
in dem ausweglosen Spiel
Bin schon heut manchmal satt von den Dingen
Die mich beglücken, erfreuen
betrüben und schmerzen
Und mir diese Lieder singen

Dann denk ich so bei mir
Jetzt ein Häuschen am See
und den Rest lass ich einfach geschehen
Doch wenn ich dann abends
hier vor´m Spiegel steh
Wen kann ich, wen will ich dann sehen?

Ich bin so randvoll
von den tausenden Leben
Die um mich herum sich bewegen
Seh die Falschen aufsteigen
die Richtigen fallen
Und mich mich ins Bettchen legen

Nicht selten, auch heute
winde ich mich im Kissen
Und schwitze und finde den Schlaf nicht
Wieder ein Tag nur gedacht
und nichts and´res gemacht
Nehm mein Textbuch und mach noch mal Licht

Jeder Tag birgt die Chance
Sich zu wandeln, zu werden
Erfahrung zu füllen mit Sinn
Also wirf mir nicht vor
ich kling wie ein Greis
Ich fühl mich so alt wie ich bin

Ich bliebe heute so gerne
nur hinter den Augen
Weil da ist es warm und vertraut
Ich sitze und flitsche
Steine auf dem See
Hab mir hier mein Häuschen gebaut

Doch ein Meer leerer Flaschen,
der Hunger, der Suff
Vertreiben mich aus dem Exil
Seh die traurigen Blicke
der Frau an der Kasse
Jemand schreit sie an, ich bin wieder im Spiel

Dann fühl´ ich mich randvoll
von den tausenden Leben
Die um mich herum sich bewegen
Hör den Mann über mir
seine Liebste verdreschen
Und seh mich mich ins Bettchen legen

Nicht selten, auch heute
wälz ich mich im Kissen
Und schwitze und finde den Schlaf nicht
Hab zu wenig gelacht
und stattdessen gedacht
Ich setz mich und mache mir Licht

Jedes Jahr ist ne Chance
Sich zu wandeln, zu werden
Erfahrung zu füllen mit Sinn
Also wirf mir nicht vor
Ich kling wie ein Greis
Ich fühl mich so alt wie ich bin

Konzerttagebuch II (Bonn)

November 15th, 2009

Am gestrigen Samstag, den 14. November, stand ein Konzert in der Mausefalle zu Bonn auf meiner Agenda. Beruhigenderweise konnte ich auf der Homepage des Ladens erkennen, dass es dort zwar einen Außenbereich gibt, aber die Konzerte im Inneren stattfinden. Am vergangenen Wochenende in Sinzig habe ich ja lernen dürfen, dass der November nicht der perfekte Monat für Open-Air-Veranstaltungen ist. Sonst wäre Rock-am-Ring schließlich auch im Winter. Da sind bekanntlich die gewieftesten Geschäftsköpfe am Werk und die machen immer alles gut.
Die Stunden vor dem Konzert verbrachte ich damit, für meine immer noch nicht veröffentlichte Platte ein Cover zu malen. Das ist gar nicht so leicht, mit dem Touchpad eines Laptops. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Da sind jetzt zwei Dinge vorne drauf, die sich nebeneinander befinden. Diese Dinge haben Augen. (Sind es dann überhaupt noch Dinge?) Darüber stehen nackt und klar die Worte “Das Nebeneinander von Dingen” und darunter mein Name in gleicher Größe und Schrift. Das Ganze ist bewusst minimalistisch in Szene gesetzt. Ich bin halt kein Freund großer Gesten.
Als ich damit fertig war, musste ich mich beeilen. Hatte wohl mal wieder die Zeit vergessen. Also ab in den Zug. In der Wärme merkte ich plötzlich sehr intensiv, wie stark ich meinem Körper in der vorigen Nacht seine Grenzen aufgezeigt hatte. Mein letztes Schärflein Geist ließ mich noch schnell meinen Handywecker programmieren und schon war ich im schönsten Dreamland. Nun kam es, wie es kommen musste. Ich überhörte den Wecker und erwachte erst in Mainz. Was tun? Ich lieh mir ein Fahrrad von einer frühlingshaft gekleideten weißhaarigen Greisin und fuhr wie der Wind immer am Rhein entlang zurück nach Bonn. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, aber plötzlich stand ich wieder am Zielbahnhof. Dort wurde mir gewahr, dass meine Erinnerungsfunktion durch mein ihrer nicht gerade zuträgliches Verhalten schon gut angeknackst ist. Ich hab zwei Stunden vorher noch bei google.maps geschaut, doch jetzt, kein Plan, wo der verdammte Club zu finden ist.
Ich latschte ziellos umher, doch dann kam der Retter in Form eines Bettlers, wie gerufen, zu mir und bat mich, wie es seine Profession ist, nach ein paar Cents. Ich schlug ihm einen Deal vor. Er sagt mir den Weg und ich entlohne ihn dafür. Gesagt, gemacht. Er freute sich, ich freute mich und schon war ich da. Mausefalle 33 1/3. Ein recht schöner, verrauchter, kleiner Club. Fast keine Leute da.
Aber es war halb acht, das konnte ja noch werden. Die Leute waren alle nett zu mir. Ich vertrank direkt meine gesamte Gage. Das ging auch schnell. Ein Freigetränk wurde mir im Vorhinein netterweise zugesichert. Das sind mal Bedingungen unter denen sich arbeiten lässt. Übermütig goss ich die Cola in mich hinein, während sich der Laden zusehends füllte, sogar ein paar bekannte Gesichter konnte ich erspähen. Mit bester Laune betrat ich die Bühne und spielte die sechs Lieder, die mir erlaubt waren. Zwischen den Liedern versuchte ich immer wieder, mit gekonnten Späßen das Publikum gefügig zu machen. Das jedoch blieb, nachdem das Geräusch von ihren aneinanderschlagenden Händen verebbt war, mäuschen still. So hatte ich das auch noch nicht erlebt. Das machte es dann ein bisschen klebrig, dennoch war ich, als ich nach einer Zugabe die berühmten Bretter verließ, durchaus zufrieden, wozu mir das anerkennende Nicken meiner Freunde auch Anlass bot.
Nach ein paar weiteren Getränken verließen wir den Laden und starteten in eine weitere wilde Nacht. Aber das hat ja mit dem Konzert nichts mehr zu tun.

Konzerttagebuch I (Sinzig)

November 9th, 2009

Als die Anfrage vor ein oder zwei Monaten kam, ob ich Lust hätte am 8. November das Straßenmusikfestival “Schön Tön” in Sinzig an der Ahr mit meiner handgemachten Musik zu bereichern, war ich freudig überrascht. Zufälligerweise ist nämlich der Heimatort meiner Mutter, Bad Bodendorf, direkt nebenan und einige Verwandtschaft wohnhaftet noch eben dort. Überrascht, das aber weniger freudig, war ich von einer Erkenntnis, die mich nach einigen Minuten nachdenkens ereilte: Straßen sind ja draußen! Und das ist im November! Wenn es nicht wie verrückt regnet, ist es dann, so schrien mir 27 Jahre Lebenserfahrung ins Ohr, zumindest sehr, sehr kalt. Welch Aussicht: ertrinken oder erfrieren.
Während ich diese so komplexen wie beängstigenden Gedankengänge hatte, hatte ich die Sache aber längst zugesagt. Nun kam der Tag schleichend näher und näher. Der 8. November. Bangen Auges verfolgte ich am Abend vorher die Wettervorhersagen. Wechselhaft, Schauer, 8-10 Grad. So genanntes Novemberwetter. Was denn sonst?
Als ich am Sonntag, dem Tag des Auftritts um ca. 12 Uhr am mittag erwachte und aus dem Fenster sah, erblickte ich den schönsten Sonnentag. Zumindest etwas in diese Richtung, nur mit ein paar grauen Winterwolken gespickt. Meine Angst wandelte sich sekundenschnell in Vorfreude. Also CD´s, Gitarre und Freundin eingepackt und nichts wie los. Als wir dann durch Sinzig flanierten schien es uns, als ob die Leute eher dem Wetterbericht als ihren eigenen Augen trauten. Klar, es war kalt, aber trotzdem könnte man sich an einem solch wundervollen Spätherbsttag doch auf solch einer schönen Straßenmusikveranstaltung mal umtun. Mit anderen Worten: viel los war nicht.
Trotzdem spielte ich tapfer meine Lieder und es gelang mir sogar, ein paar vorbei laufende Passanten zu bannen. Immerhin, das motiviert. Und auch die Verwandtschaft (zwei Onkels, zwei Tanten, ein Cousin an der Zahl) trotzte der Kälte und stärkte mir Zähne klappernd den Rücken. Ich ließ mich von ihnen sogar zu einer Weltpremiere hinreißen: “Man soll sie feiern wie sie fallen” wurde zum ersten Mal - fast fehlerfrei - vorgeführt. Wie im Fluge verging die Auftrittszeit. Dass das Lieder spielen ein erheblicher Zeitbeschleuniger ist, bemerkte ich heute nicht zum ersten Mal. Schon saßen wir, CD´s, Gitarre, Freundin und ich wieder im Heimzug nach Köln, um die erhellende Erfahrung reicher, wie sich ein Straßenmusikfestival im November in Sinzig so anfühlt.

Man soll sie feiern wie sie fallen

October 19th, 2009

Den Wäscheberg erklommen, in den Adern tobt das Blut
Im Bauch ein Funken Höhenangst, doch im Kopf rast Übermut
Ich seh die bunten Blätter kichernd auf die graue Straße knallen
Reiß das trübe Fenster auf, man soll sie feiern wie sie fallen

Ich atme kalte, klare Luft, in den Hals bis zu den Zehen
Nutz den hellen Moment ein altes Hemd auf links zu drehen
Ich hör die letzten müden Tropfen in der nassen Nacht verhallen
Steh noch immer da am Fenster, man soll sie feiern wie sie fallen
Man soll sie feiern wie sie fallen

An diese Nacht hab ich gedacht an so manchem üblen Tag

Ne Tüte Fritten und ein Bier und rauf zum Mond

Hab den Sommer überlebt, ich glaub, ich kann mal wieder raus

Endlich Luft, die das Einatmen lohnt

Der böse Nachbar mit dem Besen kämpft sich einsam durch den Tag
Doch alles liegt noch immer da so, wie´s schon vorher da so lag
Dass sich für ein gefegtes Blatt fünf neue auf dem Gehsteig ballen
Er flucht und ich lache, man soll sie feiern wie sie fallen

Meine Hände zittern fröhlich mit dem windzerzausten Haar
Sturmtief auf dem Wäscheberg, ich bleibe besser da
Ein Tropfen landet auf der Stirn, es ist der frischeste von allen
Den rahme ich mir ein, man soll sie feiern wie sie fallen
Man soll sie feiern wie sie fallen