Knietief im Sommer

July 8th, 2010

Hut über Kopf über sonnenverglasten Augen
Der Asphalt flimmert grell in mich rein, in mir drin
Das Geröll ist zergangen, es rinnt mir durch die Finger
Was zermeißeln, was zerkloppen, wenn es klebt?

Lieblingslieder klingen wie Regen auf Blech
Erfrischend und hässlich, versöhnlich monoton
Ich stecke knietief im Sommer, ich hänge in ihm fest
Die Puddingluft pfeift zäh in meinen Lungen

Unter´m Teppich halt ich´s aus, unter´m Teppich halt ich´s aus
Der Morgen kratzt im Hals, Kaffee klebt mir auf der Haut
Freund Kälte bietet sich nur an, Feind Hitze zwingt sich auf
Und das puterrote Kind am Horizont ertrinkt

Rühr mich an und erschrick, was dir dann entgegenschlägt
Dein Fingernagel kratzt die ganze - ach so gelbe - Welt
Streu mir Zucker auf die Lider, dann warte still in der Kulisse
Dein nächster Auftritt folgt auf den Donner und den Regen

Stopf dem blond gelockten Mädel mit dem viel zu kurzen Kleid
Ihr Gelächter bis zum Anschlag ins Gedärm


Philipp Süß Und So entern das Netz

May 16th, 2010

Ein ganzes Bündel von Livevideos von mir mit Band stehen jetzt da mitten im Netz. Das ist fast ein bisschen aufdringlich. Es sind jetzt schon fünf Stück. Ob dann noch genug Platz ist für andere Sachen? Ich kenne mich mit Computern nicht so aus.

Philipp Süß Und So bei Balcony TV -  http://www.youtube.com/watch?v=WhYKElm5gG0

Philipp Süß Und So in der Cantina Publica in Bremen - http://www.youtube.com/watch?v=KQxaz7Mlrvw&feature=related
(Dank an Lars Gerhardt)

Philipp Süß Und So auf dem 1. Kölner Schlaraffentag - http://www.youtube.com/watch?v=59yeLoBdUbY  und http://www.youtube.com/watch?v=3sTiOKjJNvU
(Props gehen raus an Christian Abbel)

Philipp Süß und Bastie im Frieden 66 in Düsseldorf - http://www.youtube.com/watch?v=1u_hx4EGEeE&feature=related
(freundlicherweise eingenetzt von einem unbekannten Handybesitzer)

Das sollte erstmal langen. Ansonsten sind weitere große Dinge in Planung. Nach meinem Buch “Anekdoten aus dem taubstummen Leben” folgen bald, ganz bald (im August oder so), Aufnahmen zu meiner ersten Spoken Word-CD. Welch Freude!

Konzerttagebuch XII + XIII (Bremen, Hamburg)

May 14th, 2010


23.04.2010 Bremen – Cantina Publica

Silvia kam mit ihrem Fagott schon einige Tage zuvor zu mir, um noch ein paar Proben einlegen zu können und vielleicht ein paar neue Lieder zu schreiben. Letzteres lässt sich ja immer schwer planen. Die Kreativität ist wie eine Katze: sie macht, was sie will. Glücklicherweise fühlt sie sich häufig wohl bei mir, so dass es uns gelang eine Fagottlinie zu „Zu wahr, um schön zu sein“ zu komponieren, von der wir direkt überwältigt waren. Oh, wie schade, Silvia, dass du in Berlin wohnst, und diese musikalischen Treffen so selten geworden sind…

Umso mehr muss man dann die paar Tage nutzen, die da dann vor einem rumliegen. Nach zwei extrem souveränen Proben mit Bastie, konnte es also losgehen. Bremen. Eine Stadt, mit der ich ähnlich wie Bautzen auch ausschließlich schöne Tage verknüpfe. Hier haben wir dereinst „Hinterköpfe spiegeln nicht“ aufgenommen und mit Lars Gerhardt schon so manchen heißen Darts-Kampf ausgefochten. Ein guter Ort.

Die Hinfahrt war zäh. Silvia war nicht bester Laune. Und ich merkte mir mal wieder an, dass mich nichts mehr nerven kann, als genervte Menschen. Trotzdem kamen wir wohlbehütet an, hatten sogar noch ein bisschen Zeit zum Entspannen. Die brauchten wir auch. Lars Gerhardt hatte seine Wohnung für die Band samt Tourmanagerin Christine geräumt. Was für eine Gastfreundschaft. So lässt es sich reisen.

In der Cantina Publica, einem wunderschönen kleinen Café, erwarteten uns dann ein formidabler Nudelteller und ein ebenso überzeugendes Bremer Bier. Jetzt waren wir bei Laune. So enterten wir nach den Lokalhelden „dogs run free“ die Bühne. Der Raum war nach wie vor pickepacke voll. Und die Leute hatten Bock. Und es klang gut. Wir sind ja schon ganz schön eingespielt mittlerweile, also gab es auch kaum Klippen zu umschiffen. Es lief wie von selber. Nachdem ich dann als Zugabe mein geliebtes Herbstlied „Man soll sie feiern, wie sie fallen“ performed hatte, verließen wir müde, aber vom Publikumszuspruch aufgeputscht die Bühne. Eine gefährliche Kombination. Jetzt nur nicht den Berlin-Fehler begehen. Jetzt es nur nicht übertreiben. Der morgige Tag sollte auch allerlei Anstrengendes bereithalten. Da muss ich ganz da sein. So wurde es zwar noch ein langer, aber ein angenehm beschaulicher Abend. So kamen wir dann zurück in Lars´ Wohnung und machten und wollten gerade in die Dreamlands einkehren, da kriegte Bastie einen heftigen Energieschub. Nur noch ein Bier wolle er trinken, wo wir denn noch Bier herbekommen, es müsse doch hier in der Nähe noch Bier geben, was ist denn das für eine Stadt. Er suchte in seinem Handy, das auch einen Laptop mit w-Lan beinhaltet, nach einer Tankstelle, zu der er noch zu laufen bereit war. Als das erfolglos blieb rief er ein Taxiunternehmen an und frug, wie teuer es wäre, sich ein Bier liefern zu lassen. Nach ausgiebiger freundlicher Beratung entschied es sich gegen das 35,- Sparangebot. So musste der Drummer ohne Fläschchen ins Bett. Irgendwie ging es auch so.

24.04.2010 Hamburg – Fritzbar

Nach dem äußerst gelungenen Frühstück im fast sommerlichen Bremer Sonnenschein, sie hatten für mich sehr gekonnt ein paar Kartoffelscheiben mit Speck und Zwiebeln in eine Eihülle eingebacken, fuhren wir bester Dinge nach Hamburg. Wir hörten Tocotronic und flogen über die völlig staulose Autobahn. Was könnte es Schöneres geben? Um 17 Uhr 30 stand die Balcony TV-Aufzeichnung auf dem Plan. Aus dieser entspannten Stimmung heraus würde das ein Fest, so dachte ich mir. Also Instrumente gepackt und rauf da, auf den Balkon am Spielbudenplatz. Doch leider verzögerte sich die ganze Sache und wir mussten warten. Plötzlich bekam ich schwitzige Hände, wurde nervös. Diese Scheißzwischenzeit! Jetzt war Professionalität gefragt. Ich rauchte zwei Joints und trank eine halbe Flasche Schnaps, warf mir ein, zwei Pillen ein, dann ging es. So machen das die Rockstars. Dann krochen wir hinauf auf den Balkon. Dann die nächste Verunsicherung. Hier wird nicht geschnitten. Ein Take und dann fertig. So führte dann die charmante Johanna ein Interview mit uns und wir legten los. „Das alte Feuer“. Das 2-sekündige Intro ging dann auch gut von der Hand. Der Gesangseinsatz und die ersten vier Akkorde der Strophe auch. Nur dann stellte sich mir plötzlich die Frage: Und jetzt? Beim Text war ich mir sicher („und den hasse…“), aber der Akkord? E-Moll oder G-Dur? Ich entschied mich für G-Dur. Jeder, der den Song kennt, schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen. G-Dur? Als fünfter Akkord? Hat der sie noch alle?! Leider nein. Also alles auf Anfang. Ich schaute nervös auf dem Balkon umher, flüsterte ein „Schuldigung“ und das Interview wurde im gleichen Wortlaut wiederholt. Wie gut der zweite Take dann war, weiß ich nicht mehr so genau. Ich bin genau so gespannt wie ihr, auf das fertige Video. Bald, ganz bald, wird es bei youtube stehen.

Dann ging es weiter zur Fritzbar am Hans-Albers-Platz. Was für ein grotesker Ort. Eine lange Reihe von Prostituierten stand vor der Tür und ließ sich von unschön uniformierten Junggesellenabschiedsvolltrotteln begaffen und begröhlen. Was für ein hässlicher Anblick. Und wir sollten hier akustisch spielen? Hoffentlich kommt keiner von denen währenddessen in die Bar. Einigermaßen irritiert betraten wir die relativ großen Räumlichkeiten. Eine Handvoll Leute hatten sich dort schon eingefunden. Als wir uns bereit machten, füllte sich der Laden immer mehr. Herrlich. So soll es sein. Das machte richtig Spaß hier. Wir teilten unser Set in zwei Blöcke. Erst ein bisschen ruhiger und dann brutal auf die Fresse, so hatte ich mir gedacht. Das funktionierte dann auch super, die Leute blieben von Anfang bis Ende dabei. Geil! Unmittelbar nachdem wir den letzten Ton gespielt hatten, wurde die Kirmestechnomaschine angeschmissen und blies uns in die Ohren. Wir standen vor der richtungweisenden Entscheidung: Freisaufen oder gute Musik? Wir entschieden uns einstimmig für Ersteres und es gelang uns mit Hilfe des ehrlichen Getränks Sambuca die Geräusche, die aus den Boxen drangen wegzutolerieren.


Lieder ohne Inhalt

May 11th, 2010


Lieder ohne Inhalt sind halt in

Das könnte sein wieso ich Wicht, ich, so wichtig bin

Ich bin nicht richtig drin, wahre Distanz

Will Distanzlehrer sein, wahre Distanz macht allein

Bring dir links, zwo, drei meine Distanzschritte bei

Nur ein Taschenspielertrick für den Panoramablick

Erst wenn du willst, was du machst, mach was du willst

Es ist nicht egal mit welchem Mus du deinen Hunger stillst

Kapital is Mus, Marx is Mus, National is Mus

Und du, Dreikäsehoch, kannst du noch kauen?

Ich weiß, ich heil dich, ich, ich bin heilig – ach, halt´s Maul

Autoritäten sind wie Autoraritäten, alt und überteuert, halt bescheuert

Du kennst meinen Nachnamen nur dem Namen nach

Ich lebe und ich laber, wie ich meine Leber labe

Angebe, wenn und aber, feiger Streber live in Farbe

Wer verändern will, muss fair bleiben

Erst dann kann er mit erhobenem Zeigefinger Mittelfinger zeigen

Die einen begreifen so leicht viel, doch handeln nur vielleicht

Die andern machen viele Sachen, raffen nichts

Die beiden entscheidenden am seidenen Faden hängenden Möglichkeiten

Sind vereinen von Kopf und Hand oder von Schädel und Wand?

Beherrsch das rein-raus-Prinzip und du machst nicht nur Frauen froh

Nimm nicht alles auf ein Mal, das ist nicht nur beim Kauen so

Und alles Frischerlebte ist wie Fischstäbchen nach dem Tauen roh

Leg es erstmal in die Sonne, wie der Bauer auf den Auen Stroh

Und dann geh in Ruhe kacken auf dem dunkelblauen Klo

Lass es raus und du fühlst dich nicht mehr, wie ein Pfau im Zoo

Süß und bunt und gern gesehen, so wie ne Tüte Haribo

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April 14th, 2010

Ein neuer kranker Morgen grinst falsch durch die Scheibe
Mit Kaffee den Kopf auf Halbmast hochgezogen
Auf dem Bildschirm flackert ekelhaftes, unwürdiges Leben
Acht Mal lieber das hier, als so ein fieses Schwein

Mit heißem Stift die Kundennummer auf die Brust geschrieben
Ein echter, ein echter halber Mensch
Und einem schießt ganz plötzlich die Panik in die Glieder
Reißt in wildem Rasen alle Schränke auf

Auf der Suche nach dem Schlupfloch
Nach einem Weg hier raus
Zwei Finger breit, ein bisschen Tageslicht
Gewöhn dich an die Finsternis für dich gibt´s so was nicht

Sie haben vor der Tür eine ganze Welt gebaut
Mit allem, mit allem, was man braucht
Was zu Trinken gegen die Kälte, was zu Essen gegen die Einsamkeit
Für den, dem das nicht langt: ein Geldspielautomat

Und dahinter räkeln sich die Flure des Grauens
Das Neonlicht zerkratzt jedes Gesicht
Und einer schlägt den wirren Kopf gegen alle Wände
Sinkt blind auf die Knie und streichelt Waschbeton

Auf der Suche nach dem Schlupfloch
Nach einem Weg hier raus
Zwei Finger breit, ein bisschen Tageslicht
Gewöhn dich an die Finsternis für dich gibt´s so was nicht

Sag mir einen Grund, was daran gut ist
Deine Hand drückt auf mein Genick
Wenn´s nur irgendetwas gäb, damit das aufhört
Bastelt Bomben für das da vor der Tür
…das da in der Glotze

Konzerttagebuch X + XI (Berlin, Bautzen)

April 14th, 2010


26.03. - Alice Gryphius; 28.03. Absinthlounge

Tour! Das klingt gut, das klingt romantisch, auch wenn sie nur aus zwei Konzerten besteht. Da bleibt mehr Zeit zum Feiern, dachte ich und blickte verträumt in den Frühlingshimmel. Vorher musste ich noch CD´s basteln, mit dem neuen erweiterten Design ist das sehr aufwändig, und dann – wichtig! – Plektren kaufen, denn der ICE Köln-Berlin hält nicht in Düsseldorf-Friedrichsstadt. Gehetzt und unausgeschlafen ging es dann mit dem Lidl-Ticket in den Zug. Das hatten meiner Interpretation nach auch sehr viele Mitreisende dabei, zumindest sah ein großer Anteil der Passagiere nicht nach klassischen ICE-Kunden aus. Das wäre der Mitteilung nicht wert, wenn diese Tatsache nicht nach sich gezogen hätte, dass der kilometerlange Scheißzug völlig überfüllt war. Am Anfang saß ich noch, bis die Reservierer kamen. Der Künstler reist zwar ICE, aber er steht. Geschlagene 2 ½ Stunden. Zwischen Toilette und Snackbar. Eingepfercht zwischen Koffern, Menschen und Gitarre. Nicht mal lesen konnte man, da sich ständig Hungrige und Pisswütige an mir vorbeidrängten. Tourromantik, here I am!

Irgendwann saß ich dann doch. Irgendwann kam ich auch an. Berlin. Was für eine Stadt. Hier lebt´s. Nur war ich schon bei meiner Ankunft bettfertig. Nein, viel war mit mir nicht mehr los. Am nächsten Tage stand ja auch eine Marathon-Probe und ein Konzert auf der Agenda.

Die Probe in Silvias Bude machte dann auch richtig Spaß. Alles war wie immer, als hätte es diese lange Pause nicht gegeben. Am meisten freute mich, dass Silvia meine neuen Lieder so berührten, vor allem „Zu wahr, um schön zu sein“. Nach einer kurzen Mittagspause bei traumhaftem Sonnenschein am Landwehrkanal, stieß Bastie hinzu und wir brachten die Probe in Bandstärke professionell zu Ende. Jetzt konnte der Auftritt kommen.

Als ich am Kunstcafé Alice Gryphius ankam, war alles so, wie ich es erwartet hatte. Klein war es, stilvoll, ein prunkvoller Kronleuchter in der Mitte, viele gemütliche Sessel – so mag ich es, wie man weiß. Ein paar mir liebe, wie bekannte Menschen hatten sich auch hierher verirrt, so dass ich freudig auf einen guten Abend blickte. Dann plötzlich füllte sich der Laden. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Bald waren die Sitzplätze vergeben, die Leute setzten sich auf den Boden, standen in den Ecken. Was ist denn hier los?

Dann konnte es losgehen. Freitag, 26. März 2010: Philipp Süß Und So steht erstmals auf einer Berliner Bühne. Wobei, ehrlich gesagt, saßen wir. Und eine Bühne gab es auch nicht. Aber dennoch. Es war angerichtet. Und wenn ich die Stimmung versuche zu erinnern, stocken die Schreibfinger, denn das war so überwältigend. Es ist nicht möglich das adäquat in Worte zu kleiden. Sonst freute ich mich oft, dass das Halbwolf- oder das Gisbert-Publikum auch mir zuhört, jetzt wurde ich, wurde Bastie, wurde Silvia – gefeiert. Und es kamen immer mehr Leute. Sie saßen direkt zu unseren Füßen und lächelten. Alle lächelten.

So verrauschte der ganze Abend, einfach so vorbei. Ich hatte gar keine Zeit „verweile doch…“ zu denken. Einfach vorbei. So soll es sein.

Nach einem Verschnauftag, den wir für alles nutzten, nur nicht um zu verschnaufen, ging es am Sonntag, 28. 03, weiter nach Bautzen. Natürlich hatten Bastie und ich uns vorgenommen es am Abend zuvor ruhig angehen zu lassen, waren aber, wie erwartet, die Letzten, die den ekelhaft verrauchten Laden verließen. Leider hinterließ dieser dämliche Lebenswandel einen extrem fiesen Nachgeschmack. Die Müdigkeit ließ sich verschmerzen, der erbärmliche Kopfschmerz auch, nur meine Heiserkeit, die war besorgniserregend. Ich hatte es am Abend schon gemerkt, wollte aber nicht den sensiblen Künstler raushängen lassen, wegen dem der ganze Haufen nun umziehen muss. Falsch gedacht. Das musste also Bautzen ausbaden. Wie unfair. Nach einer langen Schleichfahrt, mit Aufenthalt in Dresden, an frisch restaurierten, einladenden Städtchen vorbei, die in ihrer Ausgestorbenheit wie Filmkulissen wirkten, ebenso an ehemaligen Herrenhäusern vorbei, die scheinbar seit vielen Jahren sich selbst überlassen waren, kamen Bastie, Christine und ich endlich am Zielbahnhof an. Bautzen. Stadt meines Herzens. Dort, wo ich einst im Absinth-Rausch „Der gemütlichste Sessel der Stadt“ zu Papier gebracht. Nun kehre ich heim.

Am Bahnhof erwartete uns Danny mit einem laminierten Schild „Philipp Süß + Band – Herzlich Willkommen in Bautzen“ und offenen Armen. Wir fuhren in seine Bude, schütteten Kaffee in unsere geschundenen Körper und mussten auch schon los. Um 17 Uhr war schließlich schon Anstoß, oder wie es bei Konzerten heißt. Die Absinthlounge ist ein toller Ort. Alternativ chic, würde ich es bezeichnen, mit Bildern von leicht bis unbekleideten grünen Feen an den Wänden, gemütlichem 70er Jahre Interieur, das auch dem Film „Clockwork Orange“ als Kulisse gut zu Gesicht gestanden hätte. Ein paar alte Bekannte waren auch zugegen und waren gespannt darauf, wie ich mich in den vier Jahren, die ich nicht in Bautzen war, entwickelt habe. Und das mit dieser kaputten Stimme. Es war eine Frechheit. Natürlich kam ich gar nicht ins Spielen, alles war zäh, so gab es auch gar keinen Funken, der zum Publikum hätte überspringen können. Dafür entschuldige ich mich hiermit aufrichtig mit der Ankündigung in Topform wiederzukommen. Und zwar noch in diesem Jahr. Trotz allem waren die Leute sehr freundlich zu uns und es war gut zusammen mit Danny Lieder zu singen. So war das selten gespielte „So gut wie du“ auch das Highlight unseres Konzertnachmittags. Wir haben schon schöne Sachen gemacht damals in Siegen.

So ging nach einem anschließenden entspannten Abend am nächsten Tag die Tour zu Ende.

Und war es romantisch, das Tourleben? Tja, von beidem.

Dank an Garbo, Alina + Mecki, an Merce vom Alice Gryphius, an Danny, Jeanette, Fabrice und Maurice und natürlich an Alex von der Absinthlounge, ein Dank an die Band und ans nicht immer gleich geile, aber doch immer geile Publikum und natürlich an unsere Tourmanagerin Christine.

Konzerttagebuch IX (Düsseldorf)

April 8th, 2010


21.03.10 Frieden 66

Im Hinblick auf die Konzerte in Berlin und Bautzen traf ich mich mit Bastie, der bekanntlich eine Hälfte meiner Begleitband ausmacht, um unsere verrostete Eingespieltheit mal wieder ein bisschen zu ölen. Wir waren selbst überrascht, wie schnell wir wieder drin waren, wie stimmig das alles klang, dass wir spontan entschieden statt einer weiteren Probe das Konzert in Düsseldorf zusammen anzugehen.

Als dann der Sonntag kam, war, wenn ich ganz ehrlich bin, die Vorfreude ziemlich verflogen. Das hing nicht mit Bastie zusammen, nicht mit Düsseldorf oder gar mit dem Frieden 66, ich war schlicht schlecht gelaunt und von unglaublicher Energielosigkeit. Am Abend vorher musste ich mich stundenlang in einer 60.-Geburtstagshölle grillen lassen, mental oszillierend zwischen Amoklauf und Nervenzusammenbruch. Dann hatten wir fast eine Stunde ungeplanten Aufenthalt kurz vorm Bonner Hauptbahnhof, wegen „Personen im Gleis“. Es leuchtet mir ja schon ein, dass das weit reichende Folgen gehabt hätte, wenn der Zugführer diese Warnung ignoriert hätte. Aber wieso muss man immer vernünftig sein, immer Rücksicht nehmen? So hatten wir nicht nur einen üblen Abend, sondern kamen auch nicht mehr nach Hause. Geil!

Mit diesem Nachgefühl saß ich dann in der S-Bahn, als mein Handy ging. Bastie war dran, er säße in einem ICE, wo ich denn wäre. Ich erklärte ihm, dass ich hier nicht ausstiege, da ich keine Böcke habe, so viel Geld auszugeben, wo ich doch vor allem noch über ein erschlichenes NRW-weit gültiges Studententicket verfügte. Schweigen. Die Stimmung verfinsterte sich noch mehr. Die S-Bahn schlich in Schritttempo dahin, draußen alles grau und ich nahm in Gedanken mein Portemonnaie zur Hand und schaute nach meinen Plektren. Keins da. Ich suchte immer hastiger, durchwühlte alle Taschen, packte die Gitarre aus, schaute ins Schalloch – nix. Auch das noch. Was nun?

Ich kramte in meinem Kopf, suchte nach der Lösung und dann kam mir ein Mann ins Gedächtnis, der auch schon zum Gelingen des Rubinrot-Konzertes maßgeblich beigetragen hatte. Stefan Honig. Der ist nicht nur Gitarrist, sondern auch in Düsseldorf verortet. Er teilte mir mit, dass er es zwar nicht zum Auftritt schüfe, mir aber gerne ein Plektrum auf andere Weise zukommen ließe. Er wohne direkt an der Haltestelle Friedrichstadt, wo ich ohnehin vorbei müsse, und wenn ich mich klug verhielte und mich im vorderen Bereich des Zuges befände, würde er mir eines durch die Tür hereinreichen. Was für ein guter Typ. Der Plan klang gut. Und um es vorweg zu nehmen: er funktionierte auch.

Kurz huschte ein Lächeln über mein Gesicht, doch dann musste ich aussteigen und schleppte mich mitsamt Gitarre durch den Bilker Regen. Als ich ankam waren ungefähr zwei Hände voll Menschen im Café und warteten nur auf mich. Sie machten einen ganz sympathischen Eindruck, so auch FaulenzA, der genauso wie wir ein paar Lieder darbieten wollte. Es kamen sogar zwei Menschen durch die Tür, die eigens für mich angereist waren. In mir begann eine kleine Flamme zu lodern. Ein Funken Leidenschaft, stellte ich fest. Nicht viel, aber immerhin.

So spielten wir auf dieser Basis zwar nicht das Konzert unseres Lebens, aber es rockte  dennoch ganz gut. Die Leute freuten sich, und wir uns auch immer mehr.

Aber dass über dem Tag nicht gerade der beste Stern stand, wurde durch unsere verheerende Fehlentscheidung in der S-Bahn-Wahl zur Rückfahrt bestätigt. Falsche Richtung. Und wir bemerkten es erst an der Endstation. Pech im Unglück, kann man da nur sagen. So saßen wir dann am Düsseldorfer Flughafen, schauten den Flugzeugen zu, die abhoben, um dann für immer im Regen zu verschwinden. So saßen wir da, bis der Tag mit den Fliegern davonzog und hassten die Welt.

Konzerttagebuch VIII - Köln

April 1st, 2010


18.03.10 - Rubinrot

Der Plan für einen gemeinsamen Auftritt mit Dromo Iluvu von Halbwolf entstand am 25. April 2008, als er mich unmittelbar vor einem gemeinsamen Konzertabend im Blue Shell zu Köln, auf meiner Akustikgitarre mit einer Eigenkreation gehörig durchrüttelte. Ich war begeistert und machte – so kennt man mich – daraus auch keinen Hehl. Das muss auf die Bühne, war ich mir sicher.

Wieso es dann so lange dauerte, ist schon eigentümlich. Vielleicht weil unsere Abende zum kreativen Austausch immer sehr anstrengend sind, so muss das auch sein, bei solch eigensinnigen Menschen, wie wir es sind. Vielleicht auch, weil wir einfach träge Säcke sind.

Tja, „was lange währt…“, am Donnerstag, 18.03.2010, war es endlich so weit. Wir hatten mit dem Konzertraum des wohl schönsten Cocktailladens von Köln einen feinen Ort ausgewählt, in der Woche vorher noch einen ziemlich wirren Auftritt im Campusradio zur Promotion hingelegt und uns den Moderator Jan Schipmann alias Commercial For Leaving als musikalischen Support ins Boot geholt. So konnte es losgehen.

In froher Erwartung einer Privatparty mit Livemusik checkten wir mit freundlicher Unterstützung von Stefan Honig den Sound. Das klang gut, das ging schnell. Schon rückten die ersten Leute an.

Ich hatte den Türsteherjob an der Kasse gewählt, war schließlich erst als Letztes dran. 30 Leuten knöpfte ich das Eintrittsgeld ab und wartete Bier trinkend auf meinen Auftritt. Ein Spiel mit dem Feuer, denn der Headlinerslot war mir neu. Und betrunken spielen… damit hatte ich bereits meine einschlägigen Erfahrungen gemacht. Das wird knapp heute Abend. Vor allem als ich die richtig gute Stimmung bei Commercial For Leaving und hernach die frenetischen Jubelschreie (inklusive Standing Ovations) für Dromo Iluvu aus dem Vorraum mitbekam. Heute Abend musste ich alles in die Waagschale werfen.

So ging ich auf die Bühne und war mir gewahr, dass jetzt etwas Besonderes folgen musste, nach Dromos Triumphzug. So legte ich mit voller Kraft los. Bei „Das alte Feuer“ wurde auch gleich der Soundregler neu justiert. Das knallte. Das war laut. Das machte Spaß. Dann las ich „Wie schön du bist, Marie“, einen Mördertext, der die Laune der Leute brutal nach unten riss. Als ich nach ein paar weiteren Liedern fragte, ob ich noch einen Text lesen solle, waren durchaus einige ablehnende Äußerungen zu vernehmen. „Dann lese ich noch einen“, sagte ich, mir in der Punkrolle des Störenfriedes gefallend. Denn ich kann auch anders. „Du weißt doch, wie es läuft“ hieß der lustige Text, der nun folgte. Beschwingt, kindlich. Die Leute waren freudig erleichtert. Die Lieder liefen, bei „Heut nicht“ wurde gar lauthals mitgesungen. Herrlich! Nach einer kurzen, knackigen Zugabe verließ ich unter tosendem Applaus mit dem Slamgedicht „Lieder ohne Inhalt“ müde und inzwischen ausgenüchtert die Bühne. Das sind kostbare Tage.

Aktualisierte Konzerttermine

March 23rd, 2010
21. Mrz 2010 15:00
Frieden 66 Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen
26. Mrz 2010 20:00
Alice Gryphius Berlin, Berlin
28. Mrz 2010 17:00
Absinth Lounge Bautzen, Sachsen
23. Apr 2010 20:00
Cantina Publica Bremen, Bremen
24. Apr 2010 18:00
Balcony TV Hamburg
24. Apr 2010 20:00
Fritzbar Hamburg, Hamburg
09. Jun 2010 20:00
Kulturrampe Krefeld, Nordrhein-Westfalen
29. Okt 2010 20:00
Forum Freies Theater Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen
30. Okt 2010 20:00
VEB Siegen, Nordrhein-Westfalen

13.02.10 Aachen/Schlüsselloch

March 19th, 2010


Ich kam zum Konzerttermin in Aachen wie die Jungfrau zum Kinde, wie es so unschön heißt. (Das tut doch weh.) Bei meiner ewigen myspace-Daddelei stolperte ich über die Seite eines mir unbekannten Singer-/Songwriters aus Bayern, der im Schlüsselloch am 12.03. konzertieren sollte. Ich schrieb ihn an und schon war ich dabei. So einfach kann es eben auch laufen. Nicht immer hingehalten werden, hin und her telefonieren, Klinken putzen, freundlich sein, hoffen und bangen und dann doch wieder ne Absage kriegen. Es ist ein total seltsames Gefühl, wenn sich so ein Konzert ohne Widerstand organisieren lässt. Ungewohnt, ein bisschen wie Durchfall.

Dennoch blieb ein diffuses schlechtes Gefühl in mir, das vielleicht von den vorweihnachtlichen Konzerterfahrungen herrührte. Das wurde noch verstärkt durch die Bewertungen des Ladens, wo wir auftreten sollten, die ich bei google fand. „Nichts für Leute die klaustrophobisch sind“ stand da. Oder „Immer noch der beste Metal-Schuppen in Aachen“. Das hauchte den Erinnerungen an meine ersten Aufhören-Rufe beim Konzert in Siegen mehr Leben ein als mir lieb war.

So fuhr ich dann nach Aachen. 52 Minuten – Regionalexpress. Der Künstler reist 2. Klasse. Kein reservierter Sitzplatz. Eingepfercht zwischen Gitarre und Telefonierenden. Mit viel zu wenig Beinfreiheit. Als ich dann aber den Laden betrat, wurde ich direkt herzlich in Empfang genommen. Herbert, der Besitzer des Schlüssellochs, war ein echter Altrocker und noch dazu ein Aachener Original. Er präsentierte mir stolz, aber nicht aufdringlich, mit wallendem weißen Haar, seine Fotoalben, in denen er Zeitungsartikel sammelte von Konzerten und Lesungen, die er in der Vergangenheit veranstaltet hatte. Schon beeindruckend. Ein wahrer  Kulturförderer. Ich fühlte mich direkt wohl und es konnte mich dann auch nicht mehr irritieren, dass unmittelbar vor meinem Auftritt  auf einer großen Leinwand eine Jimi-Hendrix-DVD gezeigt wurde.

So ging ich dann bei kreischenden Gitarrenklängen auf die ebenerdige Bühne und die Leute waren direkt sehr wohlwollend mit mir. Das fand ich schnell heraus, denn mein Eröffnungslied ging gleich ganz gewaltig in die Hose. Ich kann mich nicht entsinnen, welcher Teufel mich geritten hat, spontan mit „Fühlst du dich?“ zu beginnen, das ich seit dem Schlaraffentag kein einziges Mal mehr gespielt hatte. Beim Gitarren-Intro versuchte ich mich der ersten Textzeilen zu erinnern. Sie fielen mir nicht ein. So verließen ein paar Worte einer bis dahin völlig unbekannten Phantasiesprache meinen Mund, das klang aber so befremdlich, dass ich das Lied abbrechen musste. Peinlich, peinlich. Da kommt nur ein echter Könner wieder raus. Ich. So spielte ich, wie geplant und ungeahnt passen „Ein Grobmotoriker bittet zum Tanz“ und war drin in meinem Flow. Dann geht alles wie von selbst, vor allem, wenn die Leute so viel Bock haben, auf das, was da auf der Bühne passiert. Ein Wahnsinnsabend!

Danken muss ich auch Markus Missbrandt, der seine Anlage völlig uneigennützig von Gummersbach nach Aachen transportierte, nur damit wir verstärkt spielen können. Geiler Typ! Mit ihm und Ralf Dee, dem neben mir auftretenden Künstler, ging ich dann einen verheerenden Kompromiss ein: Markus mag keinen klaren Schnaps, Ralf keinen Jägermeister, also wurde jeder Klare direkt mit einem Jägermeister gekontert.

Dementsprechend verbeult wanderte ich dann zum Bahnhof, wo ich auf eine ähnlich alkoholisierte Kleinhorde von Arminia Bielefeld-Fans (ja, so was gibt´s) stieß. Diese forderten ein weiteres Konzert von mir ein, was ich dann schwankend und lallend auch in gewohnter Professionalität darbot. Was für ein wunderbarer Start in meine Konzertwochen. So kann´s doch weitergehen…