Archive for the 'Konzerttagebuch' Category

Konzerttagebuch XII + XIII (Bremen, Hamburg)

Friday, May 14th, 2010


23.04.2010 Bremen – Cantina Publica

Silvia kam mit ihrem Fagott schon einige Tage zuvor zu mir, um noch ein paar Proben einlegen zu können und vielleicht ein paar neue Lieder zu schreiben. Letzteres lässt sich ja immer schwer planen. Die Kreativität ist wie eine Katze: sie macht, was sie will. Glücklicherweise fühlt sie sich häufig wohl bei mir, so dass es uns gelang eine Fagottlinie zu „Zu wahr, um schön zu sein“ zu komponieren, von der wir direkt überwältigt waren. Oh, wie schade, Silvia, dass du in Berlin wohnst, und diese musikalischen Treffen so selten geworden sind…

Umso mehr muss man dann die paar Tage nutzen, die da dann vor einem rumliegen. Nach zwei extrem souveränen Proben mit Bastie, konnte es also losgehen. Bremen. Eine Stadt, mit der ich ähnlich wie Bautzen auch ausschließlich schöne Tage verknüpfe. Hier haben wir dereinst „Hinterköpfe spiegeln nicht“ aufgenommen und mit Lars Gerhardt schon so manchen heißen Darts-Kampf ausgefochten. Ein guter Ort.

Die Hinfahrt war zäh. Silvia war nicht bester Laune. Und ich merkte mir mal wieder an, dass mich nichts mehr nerven kann, als genervte Menschen. Trotzdem kamen wir wohlbehütet an, hatten sogar noch ein bisschen Zeit zum Entspannen. Die brauchten wir auch. Lars Gerhardt hatte seine Wohnung für die Band samt Tourmanagerin Christine geräumt. Was für eine Gastfreundschaft. So lässt es sich reisen.

In der Cantina Publica, einem wunderschönen kleinen Café, erwarteten uns dann ein formidabler Nudelteller und ein ebenso überzeugendes Bremer Bier. Jetzt waren wir bei Laune. So enterten wir nach den Lokalhelden „dogs run free“ die Bühne. Der Raum war nach wie vor pickepacke voll. Und die Leute hatten Bock. Und es klang gut. Wir sind ja schon ganz schön eingespielt mittlerweile, also gab es auch kaum Klippen zu umschiffen. Es lief wie von selber. Nachdem ich dann als Zugabe mein geliebtes Herbstlied „Man soll sie feiern, wie sie fallen“ performed hatte, verließen wir müde, aber vom Publikumszuspruch aufgeputscht die Bühne. Eine gefährliche Kombination. Jetzt nur nicht den Berlin-Fehler begehen. Jetzt es nur nicht übertreiben. Der morgige Tag sollte auch allerlei Anstrengendes bereithalten. Da muss ich ganz da sein. So wurde es zwar noch ein langer, aber ein angenehm beschaulicher Abend. So kamen wir dann zurück in Lars´ Wohnung und machten und wollten gerade in die Dreamlands einkehren, da kriegte Bastie einen heftigen Energieschub. Nur noch ein Bier wolle er trinken, wo wir denn noch Bier herbekommen, es müsse doch hier in der Nähe noch Bier geben, was ist denn das für eine Stadt. Er suchte in seinem Handy, das auch einen Laptop mit w-Lan beinhaltet, nach einer Tankstelle, zu der er noch zu laufen bereit war. Als das erfolglos blieb rief er ein Taxiunternehmen an und frug, wie teuer es wäre, sich ein Bier liefern zu lassen. Nach ausgiebiger freundlicher Beratung entschied es sich gegen das 35,- Sparangebot. So musste der Drummer ohne Fläschchen ins Bett. Irgendwie ging es auch so.

24.04.2010 Hamburg – Fritzbar

Nach dem äußerst gelungenen Frühstück im fast sommerlichen Bremer Sonnenschein, sie hatten für mich sehr gekonnt ein paar Kartoffelscheiben mit Speck und Zwiebeln in eine Eihülle eingebacken, fuhren wir bester Dinge nach Hamburg. Wir hörten Tocotronic und flogen über die völlig staulose Autobahn. Was könnte es Schöneres geben? Um 17 Uhr 30 stand die Balcony TV-Aufzeichnung auf dem Plan. Aus dieser entspannten Stimmung heraus würde das ein Fest, so dachte ich mir. Also Instrumente gepackt und rauf da, auf den Balkon am Spielbudenplatz. Doch leider verzögerte sich die ganze Sache und wir mussten warten. Plötzlich bekam ich schwitzige Hände, wurde nervös. Diese Scheißzwischenzeit! Jetzt war Professionalität gefragt. Ich rauchte zwei Joints und trank eine halbe Flasche Schnaps, warf mir ein, zwei Pillen ein, dann ging es. So machen das die Rockstars. Dann krochen wir hinauf auf den Balkon. Dann die nächste Verunsicherung. Hier wird nicht geschnitten. Ein Take und dann fertig. So führte dann die charmante Johanna ein Interview mit uns und wir legten los. „Das alte Feuer“. Das 2-sekündige Intro ging dann auch gut von der Hand. Der Gesangseinsatz und die ersten vier Akkorde der Strophe auch. Nur dann stellte sich mir plötzlich die Frage: Und jetzt? Beim Text war ich mir sicher („und den hasse…“), aber der Akkord? E-Moll oder G-Dur? Ich entschied mich für G-Dur. Jeder, der den Song kennt, schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen. G-Dur? Als fünfter Akkord? Hat der sie noch alle?! Leider nein. Also alles auf Anfang. Ich schaute nervös auf dem Balkon umher, flüsterte ein „Schuldigung“ und das Interview wurde im gleichen Wortlaut wiederholt. Wie gut der zweite Take dann war, weiß ich nicht mehr so genau. Ich bin genau so gespannt wie ihr, auf das fertige Video. Bald, ganz bald, wird es bei youtube stehen.

Dann ging es weiter zur Fritzbar am Hans-Albers-Platz. Was für ein grotesker Ort. Eine lange Reihe von Prostituierten stand vor der Tür und ließ sich von unschön uniformierten Junggesellenabschiedsvolltrotteln begaffen und begröhlen. Was für ein hässlicher Anblick. Und wir sollten hier akustisch spielen? Hoffentlich kommt keiner von denen währenddessen in die Bar. Einigermaßen irritiert betraten wir die relativ großen Räumlichkeiten. Eine Handvoll Leute hatten sich dort schon eingefunden. Als wir uns bereit machten, füllte sich der Laden immer mehr. Herrlich. So soll es sein. Das machte richtig Spaß hier. Wir teilten unser Set in zwei Blöcke. Erst ein bisschen ruhiger und dann brutal auf die Fresse, so hatte ich mir gedacht. Das funktionierte dann auch super, die Leute blieben von Anfang bis Ende dabei. Geil! Unmittelbar nachdem wir den letzten Ton gespielt hatten, wurde die Kirmestechnomaschine angeschmissen und blies uns in die Ohren. Wir standen vor der richtungweisenden Entscheidung: Freisaufen oder gute Musik? Wir entschieden uns einstimmig für Ersteres und es gelang uns mit Hilfe des ehrlichen Getränks Sambuca die Geräusche, die aus den Boxen drangen wegzutolerieren.


Konzerttagebuch X + XI (Berlin, Bautzen)

Wednesday, April 14th, 2010


26.03. - Alice Gryphius; 28.03. Absinthlounge

Tour! Das klingt gut, das klingt romantisch, auch wenn sie nur aus zwei Konzerten besteht. Da bleibt mehr Zeit zum Feiern, dachte ich und blickte verträumt in den Frühlingshimmel. Vorher musste ich noch CD´s basteln, mit dem neuen erweiterten Design ist das sehr aufwändig, und dann – wichtig! – Plektren kaufen, denn der ICE Köln-Berlin hält nicht in Düsseldorf-Friedrichsstadt. Gehetzt und unausgeschlafen ging es dann mit dem Lidl-Ticket in den Zug. Das hatten meiner Interpretation nach auch sehr viele Mitreisende dabei, zumindest sah ein großer Anteil der Passagiere nicht nach klassischen ICE-Kunden aus. Das wäre der Mitteilung nicht wert, wenn diese Tatsache nicht nach sich gezogen hätte, dass der kilometerlange Scheißzug völlig überfüllt war. Am Anfang saß ich noch, bis die Reservierer kamen. Der Künstler reist zwar ICE, aber er steht. Geschlagene 2 ½ Stunden. Zwischen Toilette und Snackbar. Eingepfercht zwischen Koffern, Menschen und Gitarre. Nicht mal lesen konnte man, da sich ständig Hungrige und Pisswütige an mir vorbeidrängten. Tourromantik, here I am!

Irgendwann saß ich dann doch. Irgendwann kam ich auch an. Berlin. Was für eine Stadt. Hier lebt´s. Nur war ich schon bei meiner Ankunft bettfertig. Nein, viel war mit mir nicht mehr los. Am nächsten Tage stand ja auch eine Marathon-Probe und ein Konzert auf der Agenda.

Die Probe in Silvias Bude machte dann auch richtig Spaß. Alles war wie immer, als hätte es diese lange Pause nicht gegeben. Am meisten freute mich, dass Silvia meine neuen Lieder so berührten, vor allem „Zu wahr, um schön zu sein“. Nach einer kurzen Mittagspause bei traumhaftem Sonnenschein am Landwehrkanal, stieß Bastie hinzu und wir brachten die Probe in Bandstärke professionell zu Ende. Jetzt konnte der Auftritt kommen.

Als ich am Kunstcafé Alice Gryphius ankam, war alles so, wie ich es erwartet hatte. Klein war es, stilvoll, ein prunkvoller Kronleuchter in der Mitte, viele gemütliche Sessel – so mag ich es, wie man weiß. Ein paar mir liebe, wie bekannte Menschen hatten sich auch hierher verirrt, so dass ich freudig auf einen guten Abend blickte. Dann plötzlich füllte sich der Laden. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Bald waren die Sitzplätze vergeben, die Leute setzten sich auf den Boden, standen in den Ecken. Was ist denn hier los?

Dann konnte es losgehen. Freitag, 26. März 2010: Philipp Süß Und So steht erstmals auf einer Berliner Bühne. Wobei, ehrlich gesagt, saßen wir. Und eine Bühne gab es auch nicht. Aber dennoch. Es war angerichtet. Und wenn ich die Stimmung versuche zu erinnern, stocken die Schreibfinger, denn das war so überwältigend. Es ist nicht möglich das adäquat in Worte zu kleiden. Sonst freute ich mich oft, dass das Halbwolf- oder das Gisbert-Publikum auch mir zuhört, jetzt wurde ich, wurde Bastie, wurde Silvia – gefeiert. Und es kamen immer mehr Leute. Sie saßen direkt zu unseren Füßen und lächelten. Alle lächelten.

So verrauschte der ganze Abend, einfach so vorbei. Ich hatte gar keine Zeit „verweile doch…“ zu denken. Einfach vorbei. So soll es sein.

Nach einem Verschnauftag, den wir für alles nutzten, nur nicht um zu verschnaufen, ging es am Sonntag, 28. 03, weiter nach Bautzen. Natürlich hatten Bastie und ich uns vorgenommen es am Abend zuvor ruhig angehen zu lassen, waren aber, wie erwartet, die Letzten, die den ekelhaft verrauchten Laden verließen. Leider hinterließ dieser dämliche Lebenswandel einen extrem fiesen Nachgeschmack. Die Müdigkeit ließ sich verschmerzen, der erbärmliche Kopfschmerz auch, nur meine Heiserkeit, die war besorgniserregend. Ich hatte es am Abend schon gemerkt, wollte aber nicht den sensiblen Künstler raushängen lassen, wegen dem der ganze Haufen nun umziehen muss. Falsch gedacht. Das musste also Bautzen ausbaden. Wie unfair. Nach einer langen Schleichfahrt, mit Aufenthalt in Dresden, an frisch restaurierten, einladenden Städtchen vorbei, die in ihrer Ausgestorbenheit wie Filmkulissen wirkten, ebenso an ehemaligen Herrenhäusern vorbei, die scheinbar seit vielen Jahren sich selbst überlassen waren, kamen Bastie, Christine und ich endlich am Zielbahnhof an. Bautzen. Stadt meines Herzens. Dort, wo ich einst im Absinth-Rausch „Der gemütlichste Sessel der Stadt“ zu Papier gebracht. Nun kehre ich heim.

Am Bahnhof erwartete uns Danny mit einem laminierten Schild „Philipp Süß + Band – Herzlich Willkommen in Bautzen“ und offenen Armen. Wir fuhren in seine Bude, schütteten Kaffee in unsere geschundenen Körper und mussten auch schon los. Um 17 Uhr war schließlich schon Anstoß, oder wie es bei Konzerten heißt. Die Absinthlounge ist ein toller Ort. Alternativ chic, würde ich es bezeichnen, mit Bildern von leicht bis unbekleideten grünen Feen an den Wänden, gemütlichem 70er Jahre Interieur, das auch dem Film „Clockwork Orange“ als Kulisse gut zu Gesicht gestanden hätte. Ein paar alte Bekannte waren auch zugegen und waren gespannt darauf, wie ich mich in den vier Jahren, die ich nicht in Bautzen war, entwickelt habe. Und das mit dieser kaputten Stimme. Es war eine Frechheit. Natürlich kam ich gar nicht ins Spielen, alles war zäh, so gab es auch gar keinen Funken, der zum Publikum hätte überspringen können. Dafür entschuldige ich mich hiermit aufrichtig mit der Ankündigung in Topform wiederzukommen. Und zwar noch in diesem Jahr. Trotz allem waren die Leute sehr freundlich zu uns und es war gut zusammen mit Danny Lieder zu singen. So war das selten gespielte „So gut wie du“ auch das Highlight unseres Konzertnachmittags. Wir haben schon schöne Sachen gemacht damals in Siegen.

So ging nach einem anschließenden entspannten Abend am nächsten Tag die Tour zu Ende.

Und war es romantisch, das Tourleben? Tja, von beidem.

Dank an Garbo, Alina + Mecki, an Merce vom Alice Gryphius, an Danny, Jeanette, Fabrice und Maurice und natürlich an Alex von der Absinthlounge, ein Dank an die Band und ans nicht immer gleich geile, aber doch immer geile Publikum und natürlich an unsere Tourmanagerin Christine.

Konzerttagebuch IX (Düsseldorf)

Thursday, April 8th, 2010


21.03.10 Frieden 66

Im Hinblick auf die Konzerte in Berlin und Bautzen traf ich mich mit Bastie, der bekanntlich eine Hälfte meiner Begleitband ausmacht, um unsere verrostete Eingespieltheit mal wieder ein bisschen zu ölen. Wir waren selbst überrascht, wie schnell wir wieder drin waren, wie stimmig das alles klang, dass wir spontan entschieden statt einer weiteren Probe das Konzert in Düsseldorf zusammen anzugehen.

Als dann der Sonntag kam, war, wenn ich ganz ehrlich bin, die Vorfreude ziemlich verflogen. Das hing nicht mit Bastie zusammen, nicht mit Düsseldorf oder gar mit dem Frieden 66, ich war schlicht schlecht gelaunt und von unglaublicher Energielosigkeit. Am Abend vorher musste ich mich stundenlang in einer 60.-Geburtstagshölle grillen lassen, mental oszillierend zwischen Amoklauf und Nervenzusammenbruch. Dann hatten wir fast eine Stunde ungeplanten Aufenthalt kurz vorm Bonner Hauptbahnhof, wegen „Personen im Gleis“. Es leuchtet mir ja schon ein, dass das weit reichende Folgen gehabt hätte, wenn der Zugführer diese Warnung ignoriert hätte. Aber wieso muss man immer vernünftig sein, immer Rücksicht nehmen? So hatten wir nicht nur einen üblen Abend, sondern kamen auch nicht mehr nach Hause. Geil!

Mit diesem Nachgefühl saß ich dann in der S-Bahn, als mein Handy ging. Bastie war dran, er säße in einem ICE, wo ich denn wäre. Ich erklärte ihm, dass ich hier nicht ausstiege, da ich keine Böcke habe, so viel Geld auszugeben, wo ich doch vor allem noch über ein erschlichenes NRW-weit gültiges Studententicket verfügte. Schweigen. Die Stimmung verfinsterte sich noch mehr. Die S-Bahn schlich in Schritttempo dahin, draußen alles grau und ich nahm in Gedanken mein Portemonnaie zur Hand und schaute nach meinen Plektren. Keins da. Ich suchte immer hastiger, durchwühlte alle Taschen, packte die Gitarre aus, schaute ins Schalloch – nix. Auch das noch. Was nun?

Ich kramte in meinem Kopf, suchte nach der Lösung und dann kam mir ein Mann ins Gedächtnis, der auch schon zum Gelingen des Rubinrot-Konzertes maßgeblich beigetragen hatte. Stefan Honig. Der ist nicht nur Gitarrist, sondern auch in Düsseldorf verortet. Er teilte mir mit, dass er es zwar nicht zum Auftritt schüfe, mir aber gerne ein Plektrum auf andere Weise zukommen ließe. Er wohne direkt an der Haltestelle Friedrichstadt, wo ich ohnehin vorbei müsse, und wenn ich mich klug verhielte und mich im vorderen Bereich des Zuges befände, würde er mir eines durch die Tür hereinreichen. Was für ein guter Typ. Der Plan klang gut. Und um es vorweg zu nehmen: er funktionierte auch.

Kurz huschte ein Lächeln über mein Gesicht, doch dann musste ich aussteigen und schleppte mich mitsamt Gitarre durch den Bilker Regen. Als ich ankam waren ungefähr zwei Hände voll Menschen im Café und warteten nur auf mich. Sie machten einen ganz sympathischen Eindruck, so auch FaulenzA, der genauso wie wir ein paar Lieder darbieten wollte. Es kamen sogar zwei Menschen durch die Tür, die eigens für mich angereist waren. In mir begann eine kleine Flamme zu lodern. Ein Funken Leidenschaft, stellte ich fest. Nicht viel, aber immerhin.

So spielten wir auf dieser Basis zwar nicht das Konzert unseres Lebens, aber es rockte  dennoch ganz gut. Die Leute freuten sich, und wir uns auch immer mehr.

Aber dass über dem Tag nicht gerade der beste Stern stand, wurde durch unsere verheerende Fehlentscheidung in der S-Bahn-Wahl zur Rückfahrt bestätigt. Falsche Richtung. Und wir bemerkten es erst an der Endstation. Pech im Unglück, kann man da nur sagen. So saßen wir dann am Düsseldorfer Flughafen, schauten den Flugzeugen zu, die abhoben, um dann für immer im Regen zu verschwinden. So saßen wir da, bis der Tag mit den Fliegern davonzog und hassten die Welt.

Konzerttagebuch VIII - Köln

Thursday, April 1st, 2010


18.03.10 - Rubinrot

Der Plan für einen gemeinsamen Auftritt mit Dromo Iluvu von Halbwolf entstand am 25. April 2008, als er mich unmittelbar vor einem gemeinsamen Konzertabend im Blue Shell zu Köln, auf meiner Akustikgitarre mit einer Eigenkreation gehörig durchrüttelte. Ich war begeistert und machte – so kennt man mich – daraus auch keinen Hehl. Das muss auf die Bühne, war ich mir sicher.

Wieso es dann so lange dauerte, ist schon eigentümlich. Vielleicht weil unsere Abende zum kreativen Austausch immer sehr anstrengend sind, so muss das auch sein, bei solch eigensinnigen Menschen, wie wir es sind. Vielleicht auch, weil wir einfach träge Säcke sind.

Tja, „was lange währt…“, am Donnerstag, 18.03.2010, war es endlich so weit. Wir hatten mit dem Konzertraum des wohl schönsten Cocktailladens von Köln einen feinen Ort ausgewählt, in der Woche vorher noch einen ziemlich wirren Auftritt im Campusradio zur Promotion hingelegt und uns den Moderator Jan Schipmann alias Commercial For Leaving als musikalischen Support ins Boot geholt. So konnte es losgehen.

In froher Erwartung einer Privatparty mit Livemusik checkten wir mit freundlicher Unterstützung von Stefan Honig den Sound. Das klang gut, das ging schnell. Schon rückten die ersten Leute an.

Ich hatte den Türsteherjob an der Kasse gewählt, war schließlich erst als Letztes dran. 30 Leuten knöpfte ich das Eintrittsgeld ab und wartete Bier trinkend auf meinen Auftritt. Ein Spiel mit dem Feuer, denn der Headlinerslot war mir neu. Und betrunken spielen… damit hatte ich bereits meine einschlägigen Erfahrungen gemacht. Das wird knapp heute Abend. Vor allem als ich die richtig gute Stimmung bei Commercial For Leaving und hernach die frenetischen Jubelschreie (inklusive Standing Ovations) für Dromo Iluvu aus dem Vorraum mitbekam. Heute Abend musste ich alles in die Waagschale werfen.

So ging ich auf die Bühne und war mir gewahr, dass jetzt etwas Besonderes folgen musste, nach Dromos Triumphzug. So legte ich mit voller Kraft los. Bei „Das alte Feuer“ wurde auch gleich der Soundregler neu justiert. Das knallte. Das war laut. Das machte Spaß. Dann las ich „Wie schön du bist, Marie“, einen Mördertext, der die Laune der Leute brutal nach unten riss. Als ich nach ein paar weiteren Liedern fragte, ob ich noch einen Text lesen solle, waren durchaus einige ablehnende Äußerungen zu vernehmen. „Dann lese ich noch einen“, sagte ich, mir in der Punkrolle des Störenfriedes gefallend. Denn ich kann auch anders. „Du weißt doch, wie es läuft“ hieß der lustige Text, der nun folgte. Beschwingt, kindlich. Die Leute waren freudig erleichtert. Die Lieder liefen, bei „Heut nicht“ wurde gar lauthals mitgesungen. Herrlich! Nach einer kurzen, knackigen Zugabe verließ ich unter tosendem Applaus mit dem Slamgedicht „Lieder ohne Inhalt“ müde und inzwischen ausgenüchtert die Bühne. Das sind kostbare Tage.

13.02.10 Aachen/Schlüsselloch

Friday, March 19th, 2010


Ich kam zum Konzerttermin in Aachen wie die Jungfrau zum Kinde, wie es so unschön heißt. (Das tut doch weh.) Bei meiner ewigen myspace-Daddelei stolperte ich über die Seite eines mir unbekannten Singer-/Songwriters aus Bayern, der im Schlüsselloch am 12.03. konzertieren sollte. Ich schrieb ihn an und schon war ich dabei. So einfach kann es eben auch laufen. Nicht immer hingehalten werden, hin und her telefonieren, Klinken putzen, freundlich sein, hoffen und bangen und dann doch wieder ne Absage kriegen. Es ist ein total seltsames Gefühl, wenn sich so ein Konzert ohne Widerstand organisieren lässt. Ungewohnt, ein bisschen wie Durchfall.

Dennoch blieb ein diffuses schlechtes Gefühl in mir, das vielleicht von den vorweihnachtlichen Konzerterfahrungen herrührte. Das wurde noch verstärkt durch die Bewertungen des Ladens, wo wir auftreten sollten, die ich bei google fand. „Nichts für Leute die klaustrophobisch sind“ stand da. Oder „Immer noch der beste Metal-Schuppen in Aachen“. Das hauchte den Erinnerungen an meine ersten Aufhören-Rufe beim Konzert in Siegen mehr Leben ein als mir lieb war.

So fuhr ich dann nach Aachen. 52 Minuten – Regionalexpress. Der Künstler reist 2. Klasse. Kein reservierter Sitzplatz. Eingepfercht zwischen Gitarre und Telefonierenden. Mit viel zu wenig Beinfreiheit. Als ich dann aber den Laden betrat, wurde ich direkt herzlich in Empfang genommen. Herbert, der Besitzer des Schlüssellochs, war ein echter Altrocker und noch dazu ein Aachener Original. Er präsentierte mir stolz, aber nicht aufdringlich, mit wallendem weißen Haar, seine Fotoalben, in denen er Zeitungsartikel sammelte von Konzerten und Lesungen, die er in der Vergangenheit veranstaltet hatte. Schon beeindruckend. Ein wahrer  Kulturförderer. Ich fühlte mich direkt wohl und es konnte mich dann auch nicht mehr irritieren, dass unmittelbar vor meinem Auftritt  auf einer großen Leinwand eine Jimi-Hendrix-DVD gezeigt wurde.

So ging ich dann bei kreischenden Gitarrenklängen auf die ebenerdige Bühne und die Leute waren direkt sehr wohlwollend mit mir. Das fand ich schnell heraus, denn mein Eröffnungslied ging gleich ganz gewaltig in die Hose. Ich kann mich nicht entsinnen, welcher Teufel mich geritten hat, spontan mit „Fühlst du dich?“ zu beginnen, das ich seit dem Schlaraffentag kein einziges Mal mehr gespielt hatte. Beim Gitarren-Intro versuchte ich mich der ersten Textzeilen zu erinnern. Sie fielen mir nicht ein. So verließen ein paar Worte einer bis dahin völlig unbekannten Phantasiesprache meinen Mund, das klang aber so befremdlich, dass ich das Lied abbrechen musste. Peinlich, peinlich. Da kommt nur ein echter Könner wieder raus. Ich. So spielte ich, wie geplant und ungeahnt passen „Ein Grobmotoriker bittet zum Tanz“ und war drin in meinem Flow. Dann geht alles wie von selbst, vor allem, wenn die Leute so viel Bock haben, auf das, was da auf der Bühne passiert. Ein Wahnsinnsabend!

Danken muss ich auch Markus Missbrandt, der seine Anlage völlig uneigennützig von Gummersbach nach Aachen transportierte, nur damit wir verstärkt spielen können. Geiler Typ! Mit ihm und Ralf Dee, dem neben mir auftretenden Künstler, ging ich dann einen verheerenden Kompromiss ein: Markus mag keinen klaren Schnaps, Ralf keinen Jägermeister, also wurde jeder Klare direkt mit einem Jägermeister gekontert.

Dementsprechend verbeult wanderte ich dann zum Bahnhof, wo ich auf eine ähnlich alkoholisierte Kleinhorde von Arminia Bielefeld-Fans (ja, so was gibt´s) stieß. Diese forderten ein weiteres Konzert von mir ein, was ich dann schwankend und lallend auch in gewohnter Professionalität darbot. Was für ein wunderbarer Start in meine Konzertwochen. So kann´s doch weitergehen…

28.01.10 - Köln/Stadtgarten

Friday, February 12th, 2010


2. Kölner Schlaraffentag

Vollmundig hatten wir ihn angekündigt unseren Schlaraffentag. Weil wir uns sicher waren, dass wir auch bei der zweiten Version unseres Festivals einige herausragende Bands gewinnen konnten. Leider lief aber der  Vorverkauf eher schleppend, was Christina Oeynhausen und mich, die wir für das ganze Ding Verantwortung tragen, ziemlich beunruhigte. Dabei hatten wir stundenlang im tiefsten nachweihnachtlichen Winter Flyer verteilt und Plakate geklebt. Zudem wurde unser Festival in allen Stadtmagazinen angekündigt, im Internet auf allen wichtigen Portalen, wir waren im Radio und haben geklappert, was das Zeug hielt. Nur Karten wollten die Leute nicht kaufen. So sahen wir mit Unsicherheit den 28. Januar näher kommen.

Diese Unsicherheit wurde für mich noch dadurch verstärkt, dass ich erstmals verstärkt durch Francis Norman an der Bratsche (nicht Geige!) auftreten wollte und er meine Anfrage auf einen Probentermin mit den Worten, er hätte die Erfahrung gemacht, dass Proben die Lieder nicht unbedingt besser machen, ablehnte. Ich wollte Lachen, weil ich einen Scherz vermutete, bemerkte aber, dass es sein voller Ernst war. Nicht proben. Ich muss dazu sagen, ich bin regelrecht ein Probenfanatiker. Einfach mal jammen und gucken was passiert, das war für mich bislang unbekanntes Land. Und er ist Jazz-Geiger. Professionell. Aufgrund des kurzen Eindrucks seiner Fähigkeiten bei den Aufnahmen zu meiner (bzw. unserer gemeinsamen) Platte, war ich mir auch sicher, dass er es kann. Aber ich?

Aufgrund dieser Bedenken, wählte ich dann doch noch mal seine Nummer und wir verabredeten uns bei ihm in Mönchengladbach. Als ich nachts im Regionalexpress nach Hause fuhr, waren alle Zweifel einer vorfreudigen Euphorie gewichen. Was für ein wahnsinniger Musiker. Was für ein herzlicher Mensch.

Dann ging alles ganz schnell. Der Tag begann mit Pizzabacken und Betten machen für die Schweizer Band Schöftland, die mit sechs Mann bei uns zum Nächtigen eingeladen waren. Dann ab zum Laden, Backline schleppen, soundchecken, Einlass. Alles ging Schlag auf Schlag. Schon stand Lars Gerhardt auf der Bühne, pünktlich um 8 und eröffnete unser nettes, kleines Festival. Ich stellte mich neben die Bühne und war sehr gespannt auf die Publikumsreaktion. War überhaupt schon jemand da? Als der letzte Ton verklang, hörte ich ihn wieder, den warmen, kräftigen Applaus, den ich schon im Juni beim 1. Kölner Schlaraffentag kennen lernen durfte. Das war meine erste Gänsehaut.

Die zweite hatte ich dann nur sehr wenige Augenblicke später, als ich die ersten Töne hörte, die Francis seiner Bratsche (nicht Geige!) entlockte. „Was Schönes, das mir gar nicht so gefällt“ war der Opener und ich fühlte mich auf Anhieb pudelwohl dort auf der Bühne. Und von oben konnte ich sehen und hören und genießen, dass sich der Raum füllte und füllte. Als wir „Die alte Frau“ spielten und ich a cappella die dritte Strophe sang, war es so still, es war fast unheimlich, diese mitfühlende Konzentration auf jedes einzelne Wort. Die Folge: Gänsehaut Nummer 3. Leider verging unsere halbe Stunde, als wäre es eine Minute gewesen. Pech!

Also runter von der Bühne und Platz für Enno Bunger gemacht, die mit fettem Flügel spielten. Und ihr Sound war mächtig, voll von großem Gefühl. Die drei Jungs aus Leer (Ostfriesland) eröffneten das Band-Programm des Festivals überaus charmant und überzeugend, wie auch die Publikumsgesichter bestätigten.

Danach Voltaire. Welch eine Wucht. Mit beeindruckender Experimentier- und Spielfreude packten sie das Publikum an den Ohren und lösten wahre Begeisterungsstürme aus. Was sollte danach noch kommen?

Schöftland. Ein mehr als würdiger Abschluss für den 2. Kölner Schlaraffentag. Sie wussten mit ähnlicher Intensität zu berühren, wie es Gisbert zu Knyphausen am Ende des Juni-Events vollbrachte. Ihre dynamischen Lieder, die erst leise und introvertiert eine Spannung aufbauen, die sich dann immer wieder in euphorisierenden Soundwänden auflöste. Kurzum: eine Lieblingsband.

So ging der 2. Kölner Schlaraffentag zu Ende und ich war ganz schön kaputt, doch glücklich. Denn die Erkenntnis von der Premierenveranstaltung wurde mehr als eindrucksvoll bestätigt: die Musik, die wir machen, scheint ausschließlich liebenswürdige Menschen anzulocken. Was für ein Glück, dass wir nicht Rammstein sind oder Pur.

Danke an Christina Oeynhausen, die mal wieder einen Bärenanteil der Organisation übernommen hat und die von mir am Abend der Veranstaltung einigermaßen im Stich gelassen wurde. Danke auch an die anderen Helfer, Pizzabäcker, Bier- und Spießbratenbrötchenverkäufer, an das Mischpultfachpersonal, natürlich auch an die Bands, an Florian Müller von www.dasweissekaninchen.de für die geilen Fotos und an jeden, der uns mit Applaus, Liebe und Geld unterstützt hat. Wir machen weiter.

Konzerttagebuch III, IV und V (Köln, Düsseldorf, Siegen)

Tuesday, January 5th, 2010


Wenn man großspurig ist, kann man es „Philipp Süß´ Weihnachtstour“ nennen, ich bezeichne es lieber kleinlaut als eine Trilogie in Moll, denn das, was ich bei den letzten drei Konzerten auf der Bühne erleben musste, lässt für Übermut leider keinen Platz.

Alles begann am Freitag, den 18. Dezember. Weihnachtsmarkt im Stadtgarten zu Köln. 19 Uhr. Es war bitterkalt. Es schneite. Alles nicht überraschend. Weihnachtlich. Das dachten sich auch einige hunderte Menschen, die sich nicht wie ich ins Getümmel stürzten, sondern es selbst waren; es ausmachten, das Getümmel. Und dann war da diese Bühne. Eher ein Zelt. Erhöht. Vorne offen. Darin ein Heizpils. Und die Leute taten, was man auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt so tut: drängeln, saufen und frieren. Da ist wenig Muße fürs Zuhören vorhanden, dachte ich mir gleich. Diese These wurde durch zwei Entdeckungen untermauert:

1. Die Anlage war viel zu klein, um diese riesige Rock-am-ring-gleiche Masse zu beschallen. 2. In meinem Programm befand sich kein einziges Lied, das im Stande ist, die Welt weihnachtlich zu verklären.

So saß ich da also neben dem Pils in dem Zelt auf einem Barhocker und versuchte verzweifelt irgendwas, um dem ekligen Gefühl hier nur Störenfried zu sein, Herr zu werden, da sah ich ebenso unentspannt den Tonmann vor und hinter mir hin und her rennen. Er gestand mir, dass meine Gitarre seit ungefähr zwei Liedern kein Signal mehr abgebe, und ich die Lieder also A-Capella gesungen habe. Schon verfluchte ich die kleine Anlage ein ganzes Stück weniger. Nur taten mir die Damen und Herren leid, die nur wegen mir den Weg in die Kälte angetreten sind und nun völlig zu Recht auch etwas Unterhaltung als Lohn erwarteten. Nicht, dass ich so schlecht singe, aber „Vom Tellerwäscher“ in der Wise-Guys-Soloversion? Das macht keinen Sinn! Ich hab´s dennoch versucht. Mit einer geliehenen Gitarre brachte ich das Konzert unehrenhaft zu Ende und wollte nur noch nach Hause.

Am Sonntag, den 20. 12., stand das Auswärtsspiel in Düsseldorf auf dem Programm. Da war ich ja noch nie, zumindest mit Gitarre. Seit dem Reinfall auf dem Weihnachtsmarkt hatte es sich tüchtig eingeschneit. Es fiel Flocke um Flocke herab und hüllte die Welt in eine für den öffentlichen Nahverkehr unpassierbare Puderzuckerschicht. Zum Café Frieden 66, wo das Konzert um 15 Uhr beginnen sollte, kam ich noch nahezu pünktlich an, nur war der Verkehr innerhalb der Stadt völlig lahm gelegt. Auch auf den Straßen bewegte sich keine Menschenseele, nicht mal Kinder tollten umher. So überraschte es auch nicht, dass sich kaum einer zum Ort des Geschehens bewegt hatte. „Sonst gibt es hier schon Laufkundschaft. Aber ich wäre heute auch zu Hause geblieben.“ tröstete mich der Besitzer. Der Laden ist wunderschön, es hätte alles gepasst. Es knisterte und prasselte ein Feuer auf dem Flachbildschirm in der Ecke und verbreitete ein wohlig-stranges Gefühl. Alles in allem acht oder neun Leute kamen dann doch, teilweise aus der engeren Verwandt- und Bekanntschaft, oder eben Bedienstete des Ladens und wir machten uns mit Waffeln, Kirschen und Musik einen richtig schönen Nachmittag. Hier komme ich gerne wieder hin, dachte ich noch, da wurde mir auch schon ein Folgekonzert angeboten. Hoffentlich bei besseren Bedingungen. Hoffentlich in der gleichen Stimmung.

Jetzt kam Weihnachten. Mit Bier, herzerwärmenden Begegnungen, wenig Schlaf, viel Fraß, Geschenken, Harmonie, Streit und dem ganzen Gedöns. Der 29.12. rückte spürbar immer näher. Die Vorfreude wuchs auf eine Reise in meine Vergangenheit. Siegen. Meyer Musikclub. Könnte ich die Hirnzellen, die ich hier ließ, wieder einsammeln, ich hätte bestimmt weniger Probleme beim Eingeben der PIN-Nummer an der Kasse.

Genug des schlechten Spaßes, jetzt wird es leider ernst. Das Konzept der Veranstaltung war: jede Band darf sich bewerben und dazusagen, um wie viel Uhr sie spielen will. Keine Rücksicht auf Musikrichtung. So sympathisch, wie gefährlich. Vor mir spielte eine Deutschrockband, wie es sie wohl in jeder Stadt gibt. Sie spielten mit dosierter Leidenschaft ihren Stiefel, hatten auch eine beträchtliche Zahl an lederbejackten Mittdreißigern angekarrt. Alte Heimat hin oder her. Das würde heute kein Heimspiel, dachte ich mir. Und ich fühlte mich bestätigt, als ich da saß, die allgemeine Unruhe lauter, als ich auf der Bühne. Und dann, zwar vereinzelt, doch schmerzhaft, die Rufe der Lederbejackten. „Buh!“ jaulte es hier, „Aufhören!“ dort. Sie hatten keine Böcke auf die Heulsuse da oben. Mit „Habt ihr Lust auf was Ruhiges?“ kündigte ich „Häuschen am See“ an. Sarkasmus. Macht ihr mir einen Scheißabend, so mache ich euch einen noch beschisseneren. Ich spielte weiter. Es war eine klassische  lose-lose-Situation. Ich sah, während ich „Was dir fehlt“ spielte, wie vom Gastgeber ein unflätiger Besucher entfernt wurde, schon die erste Reihe drehte mir den Rücken zu und unterhielt sich lautstark lästernd. Übel. Einfach übel. Und auch hier: was es erst richtig schlimm machte, waren die in Dutzendstärke aufgetretenen Freunde, die meiner Musik frönen wollten. An  euch ein Entschuldigung, ich hab´s versucht!

So bleibt rückblickend auf die Trilogie in Moll ein ganzer Stapel Demotivation, der hoffentlich bald zu den Akten mit der Erfahrung gelegt werden kann. Ich werde dran arbeiten. Schon am 28. 01. beim 2. Kölner Schlaraffentag im Stadtgarten kannst auch du erleben, ob es mir gelungen ist.

Konzerttagebuch II (Bonn)

Sunday, November 15th, 2009

Am gestrigen Samstag, den 14. November, stand ein Konzert in der Mausefalle zu Bonn auf meiner Agenda. Beruhigenderweise konnte ich auf der Homepage des Ladens erkennen, dass es dort zwar einen Außenbereich gibt, aber die Konzerte im Inneren stattfinden. Am vergangenen Wochenende in Sinzig habe ich ja lernen dürfen, dass der November nicht der perfekte Monat für Open-Air-Veranstaltungen ist. Sonst wäre Rock-am-Ring schließlich auch im Winter. Da sind bekanntlich die gewieftesten Geschäftsköpfe am Werk und die machen immer alles gut.
Die Stunden vor dem Konzert verbrachte ich damit, für meine immer noch nicht veröffentlichte Platte ein Cover zu malen. Das ist gar nicht so leicht, mit dem Touchpad eines Laptops. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Da sind jetzt zwei Dinge vorne drauf, die sich nebeneinander befinden. Diese Dinge haben Augen. (Sind es dann überhaupt noch Dinge?) Darüber stehen nackt und klar die Worte “Das Nebeneinander von Dingen” und darunter mein Name in gleicher Größe und Schrift. Das Ganze ist bewusst minimalistisch in Szene gesetzt. Ich bin halt kein Freund großer Gesten.
Als ich damit fertig war, musste ich mich beeilen. Hatte wohl mal wieder die Zeit vergessen. Also ab in den Zug. In der Wärme merkte ich plötzlich sehr intensiv, wie stark ich meinem Körper in der vorigen Nacht seine Grenzen aufgezeigt hatte. Mein letztes Schärflein Geist ließ mich noch schnell meinen Handywecker programmieren und schon war ich im schönsten Dreamland. Nun kam es, wie es kommen musste. Ich überhörte den Wecker und erwachte erst in Mainz. Was tun? Ich lieh mir ein Fahrrad von einer frühlingshaft gekleideten weißhaarigen Greisin und fuhr wie der Wind immer am Rhein entlang zurück nach Bonn. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, aber plötzlich stand ich wieder am Zielbahnhof. Dort wurde mir gewahr, dass meine Erinnerungsfunktion durch mein ihrer nicht gerade zuträgliches Verhalten schon gut angeknackst ist. Ich hab zwei Stunden vorher noch bei google.maps geschaut, doch jetzt, kein Plan, wo der verdammte Club zu finden ist.
Ich latschte ziellos umher, doch dann kam der Retter in Form eines Bettlers, wie gerufen, zu mir und bat mich, wie es seine Profession ist, nach ein paar Cents. Ich schlug ihm einen Deal vor. Er sagt mir den Weg und ich entlohne ihn dafür. Gesagt, gemacht. Er freute sich, ich freute mich und schon war ich da. Mausefalle 33 1/3. Ein recht schöner, verrauchter, kleiner Club. Fast keine Leute da.
Aber es war halb acht, das konnte ja noch werden. Die Leute waren alle nett zu mir. Ich vertrank direkt meine gesamte Gage. Das ging auch schnell. Ein Freigetränk wurde mir im Vorhinein netterweise zugesichert. Das sind mal Bedingungen unter denen sich arbeiten lässt. Übermütig goss ich die Cola in mich hinein, während sich der Laden zusehends füllte, sogar ein paar bekannte Gesichter konnte ich erspähen. Mit bester Laune betrat ich die Bühne und spielte die sechs Lieder, die mir erlaubt waren. Zwischen den Liedern versuchte ich immer wieder, mit gekonnten Späßen das Publikum gefügig zu machen. Das jedoch blieb, nachdem das Geräusch von ihren aneinanderschlagenden Händen verebbt war, mäuschen still. So hatte ich das auch noch nicht erlebt. Das machte es dann ein bisschen klebrig, dennoch war ich, als ich nach einer Zugabe die berühmten Bretter verließ, durchaus zufrieden, wozu mir das anerkennende Nicken meiner Freunde auch Anlass bot.
Nach ein paar weiteren Getränken verließen wir den Laden und starteten in eine weitere wilde Nacht. Aber das hat ja mit dem Konzert nichts mehr zu tun.

Konzerttagebuch I (Sinzig)

Monday, November 9th, 2009

Als die Anfrage vor ein oder zwei Monaten kam, ob ich Lust hätte am 8. November das Straßenmusikfestival “Schön Tön” in Sinzig an der Ahr mit meiner handgemachten Musik zu bereichern, war ich freudig überrascht. Zufälligerweise ist nämlich der Heimatort meiner Mutter, Bad Bodendorf, direkt nebenan und einige Verwandtschaft wohnhaftet noch eben dort. Überrascht, das aber weniger freudig, war ich von einer Erkenntnis, die mich nach einigen Minuten nachdenkens ereilte: Straßen sind ja draußen! Und das ist im November! Wenn es nicht wie verrückt regnet, ist es dann, so schrien mir 27 Jahre Lebenserfahrung ins Ohr, zumindest sehr, sehr kalt. Welch Aussicht: ertrinken oder erfrieren.
Während ich diese so komplexen wie beängstigenden Gedankengänge hatte, hatte ich die Sache aber längst zugesagt. Nun kam der Tag schleichend näher und näher. Der 8. November. Bangen Auges verfolgte ich am Abend vorher die Wettervorhersagen. Wechselhaft, Schauer, 8-10 Grad. So genanntes Novemberwetter. Was denn sonst?
Als ich am Sonntag, dem Tag des Auftritts um ca. 12 Uhr am mittag erwachte und aus dem Fenster sah, erblickte ich den schönsten Sonnentag. Zumindest etwas in diese Richtung, nur mit ein paar grauen Winterwolken gespickt. Meine Angst wandelte sich sekundenschnell in Vorfreude. Also CD´s, Gitarre und Freundin eingepackt und nichts wie los. Als wir dann durch Sinzig flanierten schien es uns, als ob die Leute eher dem Wetterbericht als ihren eigenen Augen trauten. Klar, es war kalt, aber trotzdem könnte man sich an einem solch wundervollen Spätherbsttag doch auf solch einer schönen Straßenmusikveranstaltung mal umtun. Mit anderen Worten: viel los war nicht.
Trotzdem spielte ich tapfer meine Lieder und es gelang mir sogar, ein paar vorbei laufende Passanten zu bannen. Immerhin, das motiviert. Und auch die Verwandtschaft (zwei Onkels, zwei Tanten, ein Cousin an der Zahl) trotzte der Kälte und stärkte mir Zähne klappernd den Rücken. Ich ließ mich von ihnen sogar zu einer Weltpremiere hinreißen: “Man soll sie feiern wie sie fallen” wurde zum ersten Mal - fast fehlerfrei - vorgeführt. Wie im Fluge verging die Auftrittszeit. Dass das Lieder spielen ein erheblicher Zeitbeschleuniger ist, bemerkte ich heute nicht zum ersten Mal. Schon saßen wir, CD´s, Gitarre, Freundin und ich wieder im Heimzug nach Köln, um die erhellende Erfahrung reicher, wie sich ein Straßenmusikfestival im November in Sinzig so anfühlt.