Konzerttagebuch XII + XIII (Bremen, Hamburg)
Friday, May 14th, 2010
23.04.2010 Bremen – Cantina Publica
Silvia kam mit ihrem Fagott schon einige Tage zuvor zu mir, um noch ein paar Proben einlegen zu können und vielleicht ein paar neue Lieder zu schreiben. Letzteres lässt sich ja immer schwer planen. Die Kreativität ist wie eine Katze: sie macht, was sie will. Glücklicherweise fühlt sie sich häufig wohl bei mir, so dass es uns gelang eine Fagottlinie zu „Zu wahr, um schön zu sein“ zu komponieren, von der wir direkt überwältigt waren. Oh, wie schade, Silvia, dass du in Berlin wohnst, und diese musikalischen Treffen so selten geworden sind…
Umso mehr muss man dann die paar Tage nutzen, die da dann vor einem rumliegen. Nach zwei extrem souveränen Proben mit Bastie, konnte es also losgehen. Bremen. Eine Stadt, mit der ich ähnlich wie Bautzen auch ausschließlich schöne Tage verknüpfe. Hier haben wir dereinst „Hinterköpfe spiegeln nicht“ aufgenommen und mit Lars Gerhardt schon so manchen heißen Darts-Kampf ausgefochten. Ein guter Ort.
Die Hinfahrt war zäh. Silvia war nicht bester Laune. Und ich merkte mir mal wieder an, dass mich nichts mehr nerven kann, als genervte Menschen. Trotzdem kamen wir wohlbehütet an, hatten sogar noch ein bisschen Zeit zum Entspannen. Die brauchten wir auch. Lars Gerhardt hatte seine Wohnung für die Band samt Tourmanagerin Christine geräumt. Was für eine Gastfreundschaft. So lässt es sich reisen.
In der Cantina Publica, einem wunderschönen kleinen Café, erwarteten uns dann ein formidabler Nudelteller und ein ebenso überzeugendes Bremer Bier. Jetzt waren wir bei Laune. So enterten wir nach den Lokalhelden „dogs run free“ die Bühne. Der Raum war nach wie vor pickepacke voll. Und die Leute hatten Bock. Und es klang gut. Wir sind ja schon ganz schön eingespielt mittlerweile, also gab es auch kaum Klippen zu umschiffen. Es lief wie von selber. Nachdem ich dann als Zugabe mein geliebtes Herbstlied „Man soll sie feiern, wie sie fallen“ performed hatte, verließen wir müde, aber vom Publikumszuspruch aufgeputscht die Bühne. Eine gefährliche Kombination. Jetzt nur nicht den Berlin-Fehler begehen. Jetzt es nur nicht übertreiben. Der morgige Tag sollte auch allerlei Anstrengendes bereithalten. Da muss ich ganz da sein. So wurde es zwar noch ein langer, aber ein angenehm beschaulicher Abend. So kamen wir dann zurück in Lars´ Wohnung und machten und wollten gerade in die Dreamlands einkehren, da kriegte Bastie einen heftigen Energieschub. Nur noch ein Bier wolle er trinken, wo wir denn noch Bier herbekommen, es müsse doch hier in der Nähe noch Bier geben, was ist denn das für eine Stadt. Er suchte in seinem Handy, das auch einen Laptop mit w-Lan beinhaltet, nach einer Tankstelle, zu der er noch zu laufen bereit war. Als das erfolglos blieb rief er ein Taxiunternehmen an und frug, wie teuer es wäre, sich ein Bier liefern zu lassen. Nach ausgiebiger freundlicher Beratung entschied es sich gegen das 35,- Sparangebot. So musste der Drummer ohne Fläschchen ins Bett. Irgendwie ging es auch so.
24.04.2010 Hamburg – Fritzbar
Nach dem äußerst gelungenen Frühstück im fast sommerlichen Bremer Sonnenschein, sie hatten für mich sehr gekonnt ein paar Kartoffelscheiben mit Speck und Zwiebeln in eine Eihülle eingebacken, fuhren wir bester Dinge nach Hamburg. Wir hörten Tocotronic und flogen über die völlig staulose Autobahn. Was könnte es Schöneres geben? Um 17 Uhr 30 stand die Balcony TV-Aufzeichnung auf dem Plan. Aus dieser entspannten Stimmung heraus würde das ein Fest, so dachte ich mir. Also Instrumente gepackt und rauf da, auf den Balkon am Spielbudenplatz. Doch leider verzögerte sich die ganze Sache und wir mussten warten. Plötzlich bekam ich schwitzige Hände, wurde nervös. Diese Scheißzwischenzeit! Jetzt war Professionalität gefragt. Ich rauchte zwei Joints und trank eine halbe Flasche Schnaps, warf mir ein, zwei Pillen ein, dann ging es. So machen das die Rockstars. Dann krochen wir hinauf auf den Balkon. Dann die nächste Verunsicherung. Hier wird nicht geschnitten. Ein Take und dann fertig. So führte dann die charmante Johanna ein Interview mit uns und wir legten los. „Das alte Feuer“. Das 2-sekündige Intro ging dann auch gut von der Hand. Der Gesangseinsatz und die ersten vier Akkorde der Strophe auch. Nur dann stellte sich mir plötzlich die Frage: Und jetzt? Beim Text war ich mir sicher („und den hasse…“), aber der Akkord? E-Moll oder G-Dur? Ich entschied mich für G-Dur. Jeder, der den Song kennt, schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen. G-Dur? Als fünfter Akkord? Hat der sie noch alle?! Leider nein. Also alles auf Anfang. Ich schaute nervös auf dem Balkon umher, flüsterte ein „Schuldigung“ und das Interview wurde im gleichen Wortlaut wiederholt. Wie gut der zweite Take dann war, weiß ich nicht mehr so genau. Ich bin genau so gespannt wie ihr, auf das fertige Video. Bald, ganz bald, wird es bei youtube stehen.
Dann ging es weiter zur Fritzbar am Hans-Albers-Platz. Was für ein grotesker Ort. Eine lange Reihe von Prostituierten stand vor der Tür und ließ sich von unschön uniformierten Junggesellenabschiedsvolltrotteln begaffen und begröhlen. Was für ein hässlicher Anblick. Und wir sollten hier akustisch spielen? Hoffentlich kommt keiner von denen währenddessen in die Bar. Einigermaßen irritiert betraten wir die relativ großen Räumlichkeiten. Eine Handvoll Leute hatten sich dort schon eingefunden. Als wir uns bereit machten, füllte sich der Laden immer mehr. Herrlich. So soll es sein. Das machte richtig Spaß hier. Wir teilten unser Set in zwei Blöcke. Erst ein bisschen ruhiger und dann brutal auf die Fresse, so hatte ich mir gedacht. Das funktionierte dann auch super, die Leute blieben von Anfang bis Ende dabei. Geil! Unmittelbar nachdem wir den letzten Ton gespielt hatten, wurde die Kirmestechnomaschine angeschmissen und blies uns in die Ohren. Wir standen vor der richtungweisenden Entscheidung: Freisaufen oder gute Musik? Wir entschieden uns einstimmig für Ersteres und es gelang uns mit Hilfe des ehrlichen Getränks Sambuca die Geräusche, die aus den Boxen drangen wegzutolerieren.