28.01.10 - Köln/Stadtgarten
Friday, February 12th, 20102. Kölner Schlaraffentag
Vollmundig hatten wir ihn angekündigt unseren Schlaraffentag. Weil wir uns sicher waren, dass wir auch bei der zweiten Version unseres Festivals einige herausragende Bands gewinnen konnten. Leider lief aber der Vorverkauf eher schleppend, was Christina Oeynhausen und mich, die wir für das ganze Ding Verantwortung tragen, ziemlich beunruhigte. Dabei hatten wir stundenlang im tiefsten nachweihnachtlichen Winter Flyer verteilt und Plakate geklebt. Zudem wurde unser Festival in allen Stadtmagazinen angekündigt, im Internet auf allen wichtigen Portalen, wir waren im Radio und haben geklappert, was das Zeug hielt. Nur Karten wollten die Leute nicht kaufen. So sahen wir mit Unsicherheit den 28. Januar näher kommen.
Diese Unsicherheit wurde für mich noch dadurch verstärkt, dass ich erstmals verstärkt durch Francis Norman an der Bratsche (nicht Geige!) auftreten wollte und er meine Anfrage auf einen Probentermin mit den Worten, er hätte die Erfahrung gemacht, dass Proben die Lieder nicht unbedingt besser machen, ablehnte. Ich wollte Lachen, weil ich einen Scherz vermutete, bemerkte aber, dass es sein voller Ernst war. Nicht proben. Ich muss dazu sagen, ich bin regelrecht ein Probenfanatiker. Einfach mal jammen und gucken was passiert, das war für mich bislang unbekanntes Land. Und er ist Jazz-Geiger. Professionell. Aufgrund des kurzen Eindrucks seiner Fähigkeiten bei den Aufnahmen zu meiner (bzw. unserer gemeinsamen) Platte, war ich mir auch sicher, dass er es kann. Aber ich?
Aufgrund dieser Bedenken, wählte ich dann doch noch mal seine Nummer und wir verabredeten uns bei ihm in Mönchengladbach. Als ich nachts im Regionalexpress nach Hause fuhr, waren alle Zweifel einer vorfreudigen Euphorie gewichen. Was für ein wahnsinniger Musiker. Was für ein herzlicher Mensch.
Dann ging alles ganz schnell. Der Tag begann mit Pizzabacken und Betten machen für die Schweizer Band Schöftland, die mit sechs Mann bei uns zum Nächtigen eingeladen waren. Dann ab zum Laden, Backline schleppen, soundchecken, Einlass. Alles ging Schlag auf Schlag. Schon stand Lars Gerhardt auf der Bühne, pünktlich um 8 und eröffnete unser nettes, kleines Festival. Ich stellte mich neben die Bühne und war sehr gespannt auf die Publikumsreaktion. War überhaupt schon jemand da? Als der letzte Ton verklang, hörte ich ihn wieder, den warmen, kräftigen Applaus, den ich schon im Juni beim 1. Kölner Schlaraffentag kennen lernen durfte. Das war meine erste Gänsehaut.
Die zweite hatte ich dann nur sehr wenige Augenblicke später, als ich die ersten Töne hörte, die Francis seiner Bratsche (nicht Geige!) entlockte. „Was Schönes, das mir gar nicht so gefällt“ war der Opener und ich fühlte mich auf Anhieb pudelwohl dort auf der Bühne. Und von oben konnte ich sehen und hören und genießen, dass sich der Raum füllte und füllte. Als wir „Die alte Frau“ spielten und ich a cappella die dritte Strophe sang, war es so still, es war fast unheimlich, diese mitfühlende Konzentration auf jedes einzelne Wort. Die Folge: Gänsehaut Nummer 3. Leider verging unsere halbe Stunde, als wäre es eine Minute gewesen. Pech!
Also runter von der Bühne und Platz für Enno Bunger gemacht, die mit fettem Flügel spielten. Und ihr Sound war mächtig, voll von großem Gefühl. Die drei Jungs aus Leer (Ostfriesland) eröffneten das Band-Programm des Festivals überaus charmant und überzeugend, wie auch die Publikumsgesichter bestätigten.
Danach Voltaire. Welch eine Wucht. Mit beeindruckender Experimentier- und Spielfreude packten sie das Publikum an den Ohren und lösten wahre Begeisterungsstürme aus. Was sollte danach noch kommen?
Schöftland. Ein mehr als würdiger Abschluss für den 2. Kölner Schlaraffentag. Sie wussten mit ähnlicher Intensität zu berühren, wie es Gisbert zu Knyphausen am Ende des Juni-Events vollbrachte. Ihre dynamischen Lieder, die erst leise und introvertiert eine Spannung aufbauen, die sich dann immer wieder in euphorisierenden Soundwänden auflöste. Kurzum: eine Lieblingsband.
So ging der 2. Kölner Schlaraffentag zu Ende und ich war ganz schön kaputt, doch glücklich. Denn die Erkenntnis von der Premierenveranstaltung wurde mehr als eindrucksvoll bestätigt: die Musik, die wir machen, scheint ausschließlich liebenswürdige Menschen anzulocken. Was für ein Glück, dass wir nicht Rammstein sind oder Pur.
Danke an Christina Oeynhausen, die mal wieder einen Bärenanteil der Organisation übernommen hat und die von mir am Abend der Veranstaltung einigermaßen im Stich gelassen wurde. Danke auch an die anderen Helfer, Pizzabäcker, Bier- und Spießbratenbrötchenverkäufer, an das Mischpultfachpersonal, natürlich auch an die Bands, an Florian Müller von www.dasweissekaninchen.de für die geilen Fotos und an jeden, der uns mit Applaus, Liebe und Geld unterstützt hat. Wir machen weiter.