Konzerttagebuch II (Bonn)

Am gestrigen Samstag, den 14. November, stand ein Konzert in der Mausefalle zu Bonn auf meiner Agenda. Beruhigenderweise konnte ich auf der Homepage des Ladens erkennen, dass es dort zwar einen Außenbereich gibt, aber die Konzerte im Inneren stattfinden. Am vergangenen Wochenende in Sinzig habe ich ja lernen dürfen, dass der November nicht der perfekte Monat für Open-Air-Veranstaltungen ist. Sonst wäre Rock-am-Ring schließlich auch im Winter. Da sind bekanntlich die gewieftesten Geschäftsköpfe am Werk und die machen immer alles gut.
Die Stunden vor dem Konzert verbrachte ich damit, für meine immer noch nicht veröffentlichte Platte ein Cover zu malen. Das ist gar nicht so leicht, mit dem Touchpad eines Laptops. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Da sind jetzt zwei Dinge vorne drauf, die sich nebeneinander befinden. Diese Dinge haben Augen. (Sind es dann überhaupt noch Dinge?) Darüber stehen nackt und klar die Worte “Das Nebeneinander von Dingen” und darunter mein Name in gleicher Größe und Schrift. Das Ganze ist bewusst minimalistisch in Szene gesetzt. Ich bin halt kein Freund großer Gesten.
Als ich damit fertig war, musste ich mich beeilen. Hatte wohl mal wieder die Zeit vergessen. Also ab in den Zug. In der Wärme merkte ich plötzlich sehr intensiv, wie stark ich meinem Körper in der vorigen Nacht seine Grenzen aufgezeigt hatte. Mein letztes Schärflein Geist ließ mich noch schnell meinen Handywecker programmieren und schon war ich im schönsten Dreamland. Nun kam es, wie es kommen musste. Ich überhörte den Wecker und erwachte erst in Mainz. Was tun? Ich lieh mir ein Fahrrad von einer frühlingshaft gekleideten weißhaarigen Greisin und fuhr wie der Wind immer am Rhein entlang zurück nach Bonn. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, aber plötzlich stand ich wieder am Zielbahnhof. Dort wurde mir gewahr, dass meine Erinnerungsfunktion durch mein ihrer nicht gerade zuträgliches Verhalten schon gut angeknackst ist. Ich hab zwei Stunden vorher noch bei google.maps geschaut, doch jetzt, kein Plan, wo der verdammte Club zu finden ist.
Ich latschte ziellos umher, doch dann kam der Retter in Form eines Bettlers, wie gerufen, zu mir und bat mich, wie es seine Profession ist, nach ein paar Cents. Ich schlug ihm einen Deal vor. Er sagt mir den Weg und ich entlohne ihn dafür. Gesagt, gemacht. Er freute sich, ich freute mich und schon war ich da. Mausefalle 33 1/3. Ein recht schöner, verrauchter, kleiner Club. Fast keine Leute da.
Aber es war halb acht, das konnte ja noch werden. Die Leute waren alle nett zu mir. Ich vertrank direkt meine gesamte Gage. Das ging auch schnell. Ein Freigetränk wurde mir im Vorhinein netterweise zugesichert. Das sind mal Bedingungen unter denen sich arbeiten lässt. Übermütig goss ich die Cola in mich hinein, während sich der Laden zusehends füllte, sogar ein paar bekannte Gesichter konnte ich erspähen. Mit bester Laune betrat ich die Bühne und spielte die sechs Lieder, die mir erlaubt waren. Zwischen den Liedern versuchte ich immer wieder, mit gekonnten Späßen das Publikum gefügig zu machen. Das jedoch blieb, nachdem das Geräusch von ihren aneinanderschlagenden Händen verebbt war, mäuschen still. So hatte ich das auch noch nicht erlebt. Das machte es dann ein bisschen klebrig, dennoch war ich, als ich nach einer Zugabe die berühmten Bretter verließ, durchaus zufrieden, wozu mir das anerkennende Nicken meiner Freunde auch Anlass bot.
Nach ein paar weiteren Getränken verließen wir den Laden und starteten in eine weitere wilde Nacht. Aber das hat ja mit dem Konzert nichts mehr zu tun.

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