Konzerttagebuch III, IV und V (Köln, Düsseldorf, Siegen)


Wenn man großspurig ist, kann man es „Philipp Süß´ Weihnachtstour“ nennen, ich bezeichne es lieber kleinlaut als eine Trilogie in Moll, denn das, was ich bei den letzten drei Konzerten auf der Bühne erleben musste, lässt für Übermut leider keinen Platz.

Alles begann am Freitag, den 18. Dezember. Weihnachtsmarkt im Stadtgarten zu Köln. 19 Uhr. Es war bitterkalt. Es schneite. Alles nicht überraschend. Weihnachtlich. Das dachten sich auch einige hunderte Menschen, die sich nicht wie ich ins Getümmel stürzten, sondern es selbst waren; es ausmachten, das Getümmel. Und dann war da diese Bühne. Eher ein Zelt. Erhöht. Vorne offen. Darin ein Heizpils. Und die Leute taten, was man auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt so tut: drängeln, saufen und frieren. Da ist wenig Muße fürs Zuhören vorhanden, dachte ich mir gleich. Diese These wurde durch zwei Entdeckungen untermauert:

1. Die Anlage war viel zu klein, um diese riesige Rock-am-ring-gleiche Masse zu beschallen. 2. In meinem Programm befand sich kein einziges Lied, das im Stande ist, die Welt weihnachtlich zu verklären.

So saß ich da also neben dem Pils in dem Zelt auf einem Barhocker und versuchte verzweifelt irgendwas, um dem ekligen Gefühl hier nur Störenfried zu sein, Herr zu werden, da sah ich ebenso unentspannt den Tonmann vor und hinter mir hin und her rennen. Er gestand mir, dass meine Gitarre seit ungefähr zwei Liedern kein Signal mehr abgebe, und ich die Lieder also A-Capella gesungen habe. Schon verfluchte ich die kleine Anlage ein ganzes Stück weniger. Nur taten mir die Damen und Herren leid, die nur wegen mir den Weg in die Kälte angetreten sind und nun völlig zu Recht auch etwas Unterhaltung als Lohn erwarteten. Nicht, dass ich so schlecht singe, aber „Vom Tellerwäscher“ in der Wise-Guys-Soloversion? Das macht keinen Sinn! Ich hab´s dennoch versucht. Mit einer geliehenen Gitarre brachte ich das Konzert unehrenhaft zu Ende und wollte nur noch nach Hause.

Am Sonntag, den 20. 12., stand das Auswärtsspiel in Düsseldorf auf dem Programm. Da war ich ja noch nie, zumindest mit Gitarre. Seit dem Reinfall auf dem Weihnachtsmarkt hatte es sich tüchtig eingeschneit. Es fiel Flocke um Flocke herab und hüllte die Welt in eine für den öffentlichen Nahverkehr unpassierbare Puderzuckerschicht. Zum Café Frieden 66, wo das Konzert um 15 Uhr beginnen sollte, kam ich noch nahezu pünktlich an, nur war der Verkehr innerhalb der Stadt völlig lahm gelegt. Auch auf den Straßen bewegte sich keine Menschenseele, nicht mal Kinder tollten umher. So überraschte es auch nicht, dass sich kaum einer zum Ort des Geschehens bewegt hatte. „Sonst gibt es hier schon Laufkundschaft. Aber ich wäre heute auch zu Hause geblieben.“ tröstete mich der Besitzer. Der Laden ist wunderschön, es hätte alles gepasst. Es knisterte und prasselte ein Feuer auf dem Flachbildschirm in der Ecke und verbreitete ein wohlig-stranges Gefühl. Alles in allem acht oder neun Leute kamen dann doch, teilweise aus der engeren Verwandt- und Bekanntschaft, oder eben Bedienstete des Ladens und wir machten uns mit Waffeln, Kirschen und Musik einen richtig schönen Nachmittag. Hier komme ich gerne wieder hin, dachte ich noch, da wurde mir auch schon ein Folgekonzert angeboten. Hoffentlich bei besseren Bedingungen. Hoffentlich in der gleichen Stimmung.

Jetzt kam Weihnachten. Mit Bier, herzerwärmenden Begegnungen, wenig Schlaf, viel Fraß, Geschenken, Harmonie, Streit und dem ganzen Gedöns. Der 29.12. rückte spürbar immer näher. Die Vorfreude wuchs auf eine Reise in meine Vergangenheit. Siegen. Meyer Musikclub. Könnte ich die Hirnzellen, die ich hier ließ, wieder einsammeln, ich hätte bestimmt weniger Probleme beim Eingeben der PIN-Nummer an der Kasse.

Genug des schlechten Spaßes, jetzt wird es leider ernst. Das Konzept der Veranstaltung war: jede Band darf sich bewerben und dazusagen, um wie viel Uhr sie spielen will. Keine Rücksicht auf Musikrichtung. So sympathisch, wie gefährlich. Vor mir spielte eine Deutschrockband, wie es sie wohl in jeder Stadt gibt. Sie spielten mit dosierter Leidenschaft ihren Stiefel, hatten auch eine beträchtliche Zahl an lederbejackten Mittdreißigern angekarrt. Alte Heimat hin oder her. Das würde heute kein Heimspiel, dachte ich mir. Und ich fühlte mich bestätigt, als ich da saß, die allgemeine Unruhe lauter, als ich auf der Bühne. Und dann, zwar vereinzelt, doch schmerzhaft, die Rufe der Lederbejackten. „Buh!“ jaulte es hier, „Aufhören!“ dort. Sie hatten keine Böcke auf die Heulsuse da oben. Mit „Habt ihr Lust auf was Ruhiges?“ kündigte ich „Häuschen am See“ an. Sarkasmus. Macht ihr mir einen Scheißabend, so mache ich euch einen noch beschisseneren. Ich spielte weiter. Es war eine klassische  lose-lose-Situation. Ich sah, während ich „Was dir fehlt“ spielte, wie vom Gastgeber ein unflätiger Besucher entfernt wurde, schon die erste Reihe drehte mir den Rücken zu und unterhielt sich lautstark lästernd. Übel. Einfach übel. Und auch hier: was es erst richtig schlimm machte, waren die in Dutzendstärke aufgetretenen Freunde, die meiner Musik frönen wollten. An  euch ein Entschuldigung, ich hab´s versucht!

So bleibt rückblickend auf die Trilogie in Moll ein ganzer Stapel Demotivation, der hoffentlich bald zu den Akten mit der Erfahrung gelegt werden kann. Ich werde dran arbeiten. Schon am 28. 01. beim 2. Kölner Schlaraffentag im Stadtgarten kannst auch du erleben, ob es mir gelungen ist.

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